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Krisen meistern, Ängste reduzieren

Manchmal hilft auch ein Boxsack, rät Michael Berthold im ExpertenChat zum Thema "Krisen meistern, Ängste reduzieren" vom 07.09.04.

Moderator Patricia Fleischmann: Einen wunderschönen guten Abend an alle Chatter und an Michael Berthold! Die Ferien gehen langsam zu Ende und der AMSEL-Chat öffnet wieder seine Pforten. Heute Abend gibt Michael Berthold, Diplom-Psychologe bei der AMSEL, Tipps und Ratschläge rund um das Thema "Krisen meistern, Ängste reduzieren". - Auf Ihre Beiträge sind wir sehr gespannt!

music.maker (Vorab-Frage): Ich bin als MS-Betroffener auf der Suche nach einem Platz für eine Verhaltenstherapie. Nach Empfehlungen meines Neurologen und eigener Recherche habe ich mit mindestens zehn psychologischen Psychotherapeuten Kontakt aufgenommen mit dem Ergebnis: ich kann frühestens in vier Monaten damit rechnen, mit einer Therapie beginnen zu können. – Meine Situation ist zum Glück nicht akut. Wie ergeht es jedoch jemandem mit Angststörungen oder Depressionen? Sind wir in diesem Bereich unterversorgt?

Michael Berthold: Hallo music.maker Sie sprechen hier ein wichtiges Problem an. Die Wartezeit von 4 Monaten für einen Therapieplatz ist durchaus üblich. In akuten Situationen findet ein Erstgespräch meist schneller statt. Von heute auf morgen geht allerdings gar nichts. Da sollte man sich an seinen Arzt, einen psychiatrischen Notdienst oder die Telefonseelsorge wenden. Auch sind psychologische Beratungen bei einschlägigen Beratungsstellen oder auch der DMSG/AMSEL meist schneller zu erhalten.

Frau L. (Vorab-Frage): Guten Tag Herr Berthold, seit 1997 bin ich an MS erkrankt. Die Erkrankung lieferte mir einige Handicaps, mit Hilfe vieler Freunde und Verwandten, sowie meinem Lebensgefährten meisterte ich bisher erfolgreich mein Leben. Seit 12/03 quält mich ein sehr intensiver Nystagmus. Behandelt werde ich in der Uni Mainz, PD Dr. Jürgen Köhler. Sehr viele Therapieversuche, mit z.B. Akatinol, Lamictal, Artane, Baclofen schlugen leider bisher fehl. – Meine Frage an sie: Gibt es aus ihrer Sicht und Erfahrung noch einen Weg für mich, den Nystagmus positiv zu beeinflussen resp. zu hemmen?

Sandra (Vorab-Frage): Hallo Herr Berthold, da ich z.Zt. in Asien lebe, müßte ich mitten in der Nacht aufstehen um beim Chat dabei zu sein. Schade :-( Ich werde morgen das Chatprotokoll lesen ! - Nun habe ich aber mit enormen Ängsten zu kämpfen. Mein zweiter MS-Schub hat einen fürchterlichen Drehschwindel ausgelöst. Ich hatte Angst zu sterben! Dieser hat sich bis zum heutigen Tage nicht ganz verabschiedet und begleitet mich fast täglich. Nun habe ich große Probleme z.B. Rolltreppen oder Fahrstühle zu benutzen. Nach dem Aussteigen kann mein Kopf nicht verstehen, daß ich nun wieder festen Boden unter den Füßen habe und ich fahre immer weiter. Das Gefühl ist schrecklich. Ich habe Angst, zu fallen, der Boden ist wie Gummi und ich kann nicht geradeaus gehen. Ich klammere mich dann immer an den Arm meines Mannes, bis ich wieder gerade gehen kann. Das ist mir peinlich. Schlimmer wird es dann noch, sobald ich in höhere Etagen komme. Ich habe zusätzlich Höhenangst. Außerdem bin ich in solchen Phasen außerstande zu stehen, denn dann ist das Gewackele noch viel schlimmer. Nun ist es soweit gekommen, daß ich mich gar nicht mehr alleine in ein Kaufhaus o.ä. traue. Ich gehe fast gar nicht mehr alleine aus dem Haus. Hier in Bangkok ist das jedoch sehr schlimm, denn selbst die kleinsten Einkäufe müssen in den riesigen Einkaufsmalls erledigt werden. Mein Mann ist jedoch sehr selten zu hause, so daß ich diese Angst dringend überwinden muß!!! Gibt es eine Art Training, welches ich auch alleine schaffen könnte? Der Teufelskreis von Angst und Isolation wird immer enger.

Michael Berthold: Hallo Sandra, der ursprüngliche Auslöser für Ihre Ängste war der Drehschwindel während Ihres zweiten Schubes. Sowohl Schub als auch Drehschwindel wurden vermutlich medizinisch behandelt und es besteht vielleicht die Hoffnung, daß noch Besserungen eintreten werden. Das eigentliche Problem scheint nach Ihren Schilderungen heute jedoch zu sein, daß sich die Ängste auf andere Lebensbereiche ausgedehnt haben (Höhenangst). Wir sprechen dann von einer "generalisierten Angsterkrankung", wenn sich eine ursprünglich verständliche Angstreaktion in einer traumatischen Situation generalisiert auf viele andere Bereiche. Ob das bei Ihnen vorliegt kann ich aufgrund Ihrer Angaben nicht mit Sicherheit sagen, falls Sie selber zustimmen würden, sollten Sie auf jeden Fall fachlich-psychologischen Rat z. B. bei einem Verhaltenstherapeuten suchen. - Was können Sie selber tun? Sie beschreiben den Teufelskreis aus Ängsten und Isolation. Das ist in der Tat die große Gefahr, daß man den Ängsten ausweicht, sie vermeidet und sie dadurch immer größer werden. Vermeiden Sie also keine Angstsituationen, sondern stellen Sie sich ihnen, dann merken Sie, daß nichts Schlimmes passiert und das wird auf Dauer die Ängste reduzieren. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Besorgen Sie sich dafür Menschen, die Sie begleiten ( Partner, Freunde, sonstige Helfer, vielleicht auch bezahlt). Falls Sie selber nicht weiterkommen, holen Sie sich fachliche Hilfe, evtl. auch in einer Klinik (z. B. www.christoph-dornier-klinik.de in Dtld.). Im Internet können Sie selber auch nach Programmen und Tips recherchieren unter: Angststörung, Angsterkrankung und Angstbewältigung. Unter letzterem gibt es einen Link zu depash-nordhessen.de, wo Sie gute Hinweise zur Selbsthilfe finden können.

Michael Berthold: Hallo Frau L. meines Wissens gibt es keine psychologischen Möglichkeiten oder Therapien des Augenzitterns (Nystagmus). Unter www.dmsg.de finden Sie die neuesten Konsensusempfehlungen des Ärztlichen Beirats zur Symptomatischen Therapie. Dort können Sie auch zur Behandlung des N. den aktuellen Stand des Wissens erfahren.

Holger: Meine Frau hat auch Verhaltensstörungen und ist deshalb ins Krankenhaus eingeliefert worden, sie hat einen regelrechten Haß mir gegenüber entwickelt ( Einschrenkung des Kurzzeitgedächtnisses). Sie will jetzt nicht mehr nach Hause und ist vom Amtsgericht unter Pflegschaft gestellt worden, warum bekomme ich trotz weigerung meiner Frau die Pflegschaft nicht?

Michael Berthold: Hallo Holger, die Entwicklung von Abneigung und Ablehnung hat meist weniger mit kognitiven Symptomen zu tun als mit der Qualität der Partnerschaftsbeziehung. Für die Entscheidung des Amtsgerichts gibt es eine Begründung. Bitte lassen Sie sich diese von Ihnen nahestehenden Menschen erläutern und versuchen Sie diese nachzuvollziehen. Ob Sie dann dagegen vorgehen wollen, ist auch eine juristische Frage. Nach meiner Erfahrung hat es aber wenig Sinn, wenn Sie Ihre Frau zu etwas zu zwingen versuchen, was sie nicht will. Das steigert die Ablehnung weiter.

Holger: Ich danke ihnen für Ihren Rat, ich habe 3 erwachsene Kinder, die es nicht verstehen, was meine Frau macht und sind der meinung sie sollte einfach mal sehen wie sie ohne mich auskommt. Die Meinung teile ich jedoch nicht.

Michael Berthold: Hallo Holger, sicher ist es sehr belastend für Sie, dass Ihre Kinder so wenig Verständnis für Sie haben. Versuchen Sie Ihre Frau zu einer Partnerschaftsberatung zu gewinnen, in der Sie beide klären können, ob sie zusammenbleiben oder auseinandergehen wollen und dafür Hilfe bekommen. Über Ihren DMSG-Landesverband können Sie Adressen bekommen.

gimme5: Guten Abend Herr Berthold. Meine Schwester hat schwere Depressionen wegen ihrer MS. Leider ist sie der Familie gegenüber zum Teil unerträglich aggressiv, vor allem nach einem Schub. Wie können wir das abfangen/ was würden Sie uns raten?

Michael Berthold: Hallo gimme5, Wut und Zorn sind ebenso wie Trauer und Verzweiflung ziemlich normale emotionale Reaktionen auf die MS. Sie gelten also nicht Ihnen persönlich als Angehörige sondern der Krankheit mit ihren Einschränkungen und Kränkungen. Diese Gefühle sind besonders stark in den ersten Jahren der Erkrankung und nach starken Verschlechterungen. Vermutlich hat ihre Schwester auch Schuldgefühle nach solch einem Wutausbruch. Versuchen Sie also die Gefühle nicht auf sich zu beziehen, sondern sich zu schützen und sie vorüberziehen zu lassen wie ein Gewitter. In einem ruhigeren Moment später ist es sinnvoll mit ihr darüber zu sprechen, was sie erlebt bei solch einem Ausbruch und sagen auch Sie, was Sie besonders belastet. Vielleicht können Sie zusammen familienverträglichere Formen des Aggressionsabbaus finden (Boxsack, Kissen knüllen o.ä.)

Holger: sie schreiben, dass meine kinder wenig verständnis haben, ich kann sie irgendwie verstehen, sie sind mit der Krankheit meiner Frau groß geworden und es heist immer rücksichtmahme

Michael Berthold: Hallo Holger, vielleicht können Sie über diese Rücksichtnahme von ihnen allen mit ihren Kindern ins Gespräch kommen. Das könnte etwas Versöhnliches sein, zu merken, daß diese nun nicht mehr erforderlich ist.

gimme5: Danke für die Tipps! Gleich morgen ziehe ich los, einen Boxsack kaufen! Sicher haben Sie recht und der Zorn gilt nicht uns, sondern dem Schicksal. Ich warte einen ruhigeren Moment ab, um mit ihr zu reden.

Michael Berthold: Hallo gimme5, manchmal sind Trommeln das Richtige. Gehen Sie zusammen mit der Schwester einkaufen und ausprobieren. Könnte Spass machen !

Carin: Guten Abend Herr Berthold. Ich bin 99 an MS erkrankt. Bis vor kurzem haben meine diesbezüglichen Probleme sich im Rahmen gehalten. Und ich habe mit kaum jemand darüber gesprochen. Seit einiger Zeit nun spüre ich dtl. Anzeichen, merke aber das ich den deutlichen Hang dazu habe,es klein zu halten. Dies können Freunde nicht verstehen. Bin ich nun diejenige die in Therapie soll, oder die anderen?

Michael Berthold: Hallo Carin, in Therapie braucht deshalb niemand. Sie wehren sich eben dagegen, für kränker gehalten zu werden als Sie sich fühlen. Das ist ok, solange sie sich nicht andauernd überfordern. Nehmen Sie die Äußerungen Ihrer Freunde lieber als Ausdruck davon, daß sie zu Ihnen stehen, egal wie es Ihnen gerade geht.

Moderator Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, lieber Herr Berthold! Es ist kurz nach 20:30 Uhr: Der Chat wird für heute geschlossen. Vielen Dank für Ihre Beiträge und Ihre Antworten! - Am 21. September um die gleiche Zeit wird Klaus Kupka vom Arbeitsamt in Stuttgart zu einem ganz brisanten Thema antworten: Hartz IV. - Bis dahin und allen einen angenehmen Abend!

Redaktion: AMSEL e.V., 16.09.2004