Ernährung & MS

"Auf geht's", rät Prof. Olaf Adam am 19.04.05 im AMSEL-Expertenchat.

Moderator Patricia Fleischmann: Guten Abend im AMSEL-ChatRoom, hallo an alle Chatter und freilich an Prof. Adam. Die erste Frage wartet bereits!

Dana: Hallo !! 1. Mir wurde gesagt, dass ich möglichst wenig Fleisch, Wurst, Eier (eben tierische Fette) essen soll, statt dessen viel Gemüse, Getreide, Fisch und fettarmen Käse. Stimmt das ? Konnte eine Verringerung der Entzündungen festgestellt werden, wenn man sich daran hält ? 2. Wie sinnvoll ist es zudem noch Vitamintabletten und Fischölkapseln einzunehmen. Und wenn ja in welchen Mengen / Dosis ? 3. Gibt es hier einen sinnvollen Ratgeber / Buch das Sie empfehlen können ? Viele Grüße

Prof. Olaf Adam: Ganz richtig. Die Datenlage der wissenschaftlichen Studien zeigt, dass eine Ernährung mit weniger tierischen Fetten einen besseren Verlauf der Erkrankung bringt. Fischölfettsäuren wirken in derselben Richtung. Der Grund ist die Steigerung der Entzündung durch eine Fettsäure (Arachidonsäure, nur in tierischen Fetten) und die Hemmung der Entzündung durch eine Fettsäure (EPA, nur in Fischen). Die Behandlung durch die Ernährung kann noch verbessert werden durch die Wahl des richtigen Speiseöls (z. B. Rapsöl), das eine Vorstufe der entzündungshemmenden EPA enthält. Die Bedeutung der Vitamintabletten ist noch nicht vollständig untersucht. Besonders interessant ist das Vitmain E, das meist im Blut von Patienten mit MS zu niedrig ist. Aber mehr als 200 mg sollte man pro Tag nicht nehmen. Buchempfehlung: Adam O.: Ernährungsrichtlinien bei Multipler Sklerose. Ein Leitfaden. Deutscher Medizin Verlag, Münster 2003 Die Ernährungsrichtlinien entsprechen denen bei Rheuma us sind ausführlich beschrieben in: 1.Adam O.: Diät und Rat bei Rheuma und Osteoporose. Walther Hädecke Verlag, Weil der Stadt, ISBN 3-7750-0351-7, 2002.

Tatjana: Ich bin stark übergewichtig jetzt bekomme ich oft von meinem Umfeld gesagt das,daß MS mit ausgelöst hat davon habe ich noch nichts gehört. Stimmt das was mein Umfeld sagt? Und verschlimmert mein Übergewicht die Krankheit?

Prof. Olaf Adam: Nein. Übergewicht hat nichts mit MS zu tun. Es ist aber auch nicht günstig. Es wäre gut, wenn Sie ihr Gewicht langsam normalisieren würden. Dabei sollten Sie auf die richtige Kost achten, wie ich sie in der vorherigen Frage beschrieben habe. Das geht meistens sehr gut. Erst ab einem BMI von 30 kg/m2 empfiehlt man heute eine Gewichtsabnahme, wenn keine weiteren Folgeerkrankungen, wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Blutzucke usw vorliegen. Wie groß sind Sie und was wiegen Sie derzeit?Wenn Sie mir die beiden Angaben machen, rechne ich Ihren BMI aus.

Karsten: Hallo Prof. Adam, bei mir ist es genau umgekehrt wie bei Tatjana. Ich wiege zu wenig: 58 Kilo bei 1,85. Obwohl ich sogar ziemlich viel futtere. Was wäre die richitge Diät für mich um ein normales Gewicht zu erreichen, wenn ich tierische Fette meiden soll. Fisch hat ja auch nicht viel Fett.

Prof. Olaf Adam: Hallo Karsten, ich benötige für eine korrekte Antwort noch das Alter. Der derzeitige BMI ist mit 16.9 kg/m2 wirklich viel zu niedrig. Bei jungen Menshcen kommt es schon mal vor, dass der BMI unter der wünschenswerten Marke von 19 ist und sie trotzdem völlig gesund sind. Aber ob dies bei Ihnen der Fall ist, oder ob doch eine Störung der Schilddrüsenfunktion oder eine andere Stoffwechselstörung dafür verantwortlich ist, kann man aus der Ferne nicht sagen. Eine "dickmachende Diät" gibt es nicht. Günstiger ist es Sport zu treiben und eine vollwertige Kost zu sich zu nehmen. Offenbar haben Sie einen schlanken Körperbau, der vielleicht auch bei Ihren Eltern schon aufgefallen ist. Was sie zunehmen sollten ist aber weniger Fett sondern besser Muskeln. Also: Einen Arzt befragen und an die sportliche Betätigung denken.

Karsten: Ah, noch eine Frage: Kann mein niedriges Gewicht trotz enormem Kalorienverbrauch (ca. 2.200 kcal am Tag) mit der MS zusammenhängen. Brauchen beschädigte Nerven mehr Kalorien?

Prof. Olaf Adam: 2 200 kcal sind nicht enorm, sondern der Energiegehalt der Kost, die z. B. im Krankenhaus vorgehalten wird. Ihr Kalorienbedarf dürfte bei etwa 2800 kcal pro Tag liegen. Beschädigte Nerven benötigen nicht mehr Kalorien, aber der Entzündungsprozess führt zu einer Steigerung des Energiebedarfs. Die ist bei der MS der Fall.

Tatjana: Ich bin 175cm und wiege 147 Kg also extrem zu viel leider. Aber abnehmen ist echt furchbar schwer und leider bin ich ein Frustesser und jetzt wo ich die Diagnose MS habe geht es mir Psychisch noch schlechter (hab auserdem seid vier Jahren auch noch die Diagnose Borderline ). Ich esse keine Riesenmengen sondern alles was viele Kalorien hat. Ok genug gejammert vieleicht haben Sie auch noch einen Tip für mich was mir das Abnehmen vieleicht ein wenig leichter macht. Übringens was Halten Sie von den Weight Watchers?

Prof. Olaf Adam: Der BMI beträgt 48 kg/m2 und ist wirklich in einem sehr bedenklichen Bereich. Gehen Sie es an und zwar sofort. Am besten in einem Team zur Gewichtsabnahme, das nicht nur Ernährungswissen vermittelt, sondern auch die psychische Seite berücksichtigt und Ihnen die Möglichkeiten der körperlichen Aktivität erklärt. In Ihrem Fall übernimmt die Krankenkasse auch weitreichende Maßnahmen, da es sich nicht um eine kleine Gesundheitsstörung, sondern um eine sehr ernst zu nehmende Erkrankung handelt. Wir verwenden in München die KFZ-Diät (www.KFZdiaet.de), die weight watcher verwenden die fettarme Kost und die Amerikaner verwenden die ow carb diet. Es geht nach verschiedenen Rezepten. In ihrem Fall kann man auch an die zeitweise Verordnung von Xenical denken, das allerding höchstens ein Jahr eingenommen werden darf. Also, wie man so in Bayern sagt: auf geht´s.

Karsten: Bin 29, Diagnose seit zwei Jahren, Symptome etwa seit vier Jahren. Vor fünf Jahren hatte ich noch 69 Kilo drauf und war eher muskulös, darum dachte ich, es kann vielleicht mit der Nervenschädigung zu tun haben. Wie errechnet man denn nochmal den BMI? Wußte das schon mal...

Prof. Olaf Adam: Das hat nicht so sehr mit der Nervenschädigung zu tun. Eher schon mit den damit verbundenen Umständen. Vielleicht probieren Sie es doch mit einem Besuch bei einem Sportmediziner. Das sind speziell ausgebildete Ärzt, die Ihnen bei der Auswahl der richtigen und geeigneten Art der körperlichen Aktivität beratend zur Seite stehen. Wenn Sie früher bereits sportlich waren, so sollte das nicht so schwer sein. Der BMI berechnet sich so: Gewicht (kg) geteilt durch das Quadrat der Körpergröße (in Meter).

Tatjana: Danke für die Tips, noch eine Frage was ist Xenical?

Prof. Olaf Adam: Xenical hat den Inhaltsstoff Sibutramin. Es erhöht den Serotoninspiegel ("Glückshormon") im Gehirn und vermindert dadurch den Appetit.

Tatjana: Ich Danke Ihnen und wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.

Ursula: Guten Abend, Herr Prof. Adam! Wie sollte die richtige Zusammensetzung von Lachsölkapseln bei MS aussehen bzw. dürfen Sie Produktempfehlungen aussprechen? Bei der Vielfalt der angebotenen Präparate weiß ich nicht, welches das Richtige ist.

Prof. Olaf Adam: Die wichtige Fischölfettsäure ist die EPA. Je mehr davon in der Fischölkapsel enthalten ist, desto besser ist es. Lebertran hat etwa 40 mg/ Gramm, konzentrierte und gereinigte Fischöle (z. B. Ameu, Eicosan) haben 164 mg / Gramm und hochkonzentriete und gereinigte Fischöle (z. B. EPAMAX, Omacor) haben 300 mg / Gramm. Die einzelnen Produkte finden Sie im Internet, sie sind zum Teil auch in der genannten Broschüre (Ernährungsrichtlinien bei MS) beschreiben, die übrigens kostenfrei über Serono GmbH, Freisingerstrasse 5, 85716 Unterschleißheim, Tel. 089-321560, FAX 089-32156123 , www.leben-mit-ms.de zu beziehen ist.

Franzi: Guten Abend Herr Prof. Adam. Ich würde gerne mal die Einnahme von Lebertran versuchen, habe aber gehört, dass man auf alle Fälle zum Öl auch Vitamin E nehmen sollte. Ist es sehr problematisch das wegzulassen - ich nehme bis auf täglichen halben Teelöffel Vit. C nämlich keine Ernährungsergänzung und möchte auch nicht damit anfangen immer mehr Tabletten etc. zu nehmen.

Prof. Olaf Adam: Es ist nicht problematisch Vitamin E wegzulassen. Die neueren Studien zeigen, dass man beim Vitamin E auch zu viel des Guten tun kann. Mehr als 200 mg pro Tag werden heute nicht mehr empfohlen.

helly: was halten sie von immunglobulinen?

Prof. Olaf Adam: Sie sind nicht die erste Wahl. Man hat heute besser wirksame Präparate. Ihr Therapeut kennt sich aber damit aus und kann in Ihrem speziellen Fall besser raten als ich.

Juliane: Hallo Meine Frage: ich bin 19 Jahre und habe die Diagnose seit 2 Jahren. Wie sehr muss ich auf den Verzehr von Genussmitteln (Schokolade, Alkohol) verzichten? Es ist leider nicht sehr einfach auf alles zu vernachlässigen wenn man im 2. Unisemester ist. Was beeinflusst die MS besonders schlecht? Kann man mit einem normalen Umgang mit Genussmitteln weiterleben, oder muss man sich möglichst strikt an Ernährungsregeln halten?

Prof. Olaf Adam: Eine sehr alte Medizinerweisheit lautet: dosis sola facit venenum. Nur die Dosis macht das Gift. sogar Alkohol ist, wenn man erwachsen und nicht leberkrank ist, kein Gift. Solange man(n) nicht mehr als 40 Gramm pro Tag und Frau nicht mehr als 20 Gramm pro Tag genießt, schützt er sogar vor Arteriosklerose und wirkt "antioxidativ". Das könnte bei der MS sogar ein Vorteil sein. Leider gibt es hierzu keine kontrollierten Studien. Auch Schokolade ist in vernünftigen Mengen nicht so schlimm. Die dunkle (teuere) Schokolade schon gar nicht. Bei der Milchschokolade spielt der Gehalt an Arachidonsäure (in tierischen Fetten enthalten und entzündungsfördernd) eine Rolle. Je teuerer die Schokolade ist, desto größer ist der Kakaoanteil, desto weniger tierische Fette sind darin enthalten und desto unbedenklicher ist sie. Übrigens sind die Ernährungsrichtlinien bei MS (nachzulesen in dem genannten Buch oder unter www.dge.de) keinesfalls schwierig einzuhalten, sondern entsprechen einer gesunden Kost.

Moderator Patricia Fleischmann: So, liebe ChatGemeinde, das war's leider schon für heute beim AMSEL-ExpertenChat mit Prof. Olaf Adam. Die offenen Fragen werden freilich noch beantwortet. Dank an Prof. Adam für die kompetenten Antworten heute Abend und dankeschön für Ihre Beiträge! Nächstes mal - am 3. Mai - heißt es ""Behinderten gerecht (um-) bauen" - wir freuen uns schon auf Sie!

Redaktion: AMSEL e.V., 19.04.2005