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Depressionen bei Multipler Sklerose

Sich nur nicht zu vergraben ist sehr wichtig bei Depressionen, so Dr. Martin Meier im AMSEL-Expertenchat.

Moderator Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, willkommen im AMSEL-Expertenchat ! Los gehts mit Dr. Martin Meier und dem Thema Depressionen !

Angela: Ich hatte als Kind schwere Depressionen, weil ich keine leichte Kindheit hatte. Mit 8 Jahren habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen. Mitlerweile bin ich 18 Jahre alt und habe diese Phase überstanden, ich habe mich komplett ins Gegenteil verkehrt, und bin nun so unglaublich optimistisch und dankbar, für jede Sekunde. Seit ich 15 bin vermute ich jedoch, MS zu haben. Es hat angefangen mit einer Blasenschwäche, irgendwann kam dann dazu, dass ich das Gefühl hatte, als würden meine Beine und Arme immer öfters "einschlafen". Seit einem Jahr zittere ich ständig, vor allem in Stresssituationen, aber manchmal auch vollkommen unbegründet. Meine Sicht wird manchmal unscharf und ich sehe nur noch wie durch einen Schleier, meine Augen fühlen sich in dem Moment vom Sehen angestrengt an. Ich habe lange recherchiert, auf welche Krankheiten diese Symptome hinweisen könnten. Und die meisten Treffer, die ich hatte, waren MS. Ich habe Angst, dass ich, wenn ich zu einem Arzt gehe, und wirklich MS haben sollte, wieder in die Depressionen aus meiner Kindheit zurückfalle, ich weiß nicht, ob es nicht besser ist, mit der Ungewissheit zu leben, und sich an dem Hoffnungsschimmer festzuhalten, dass ich mir alles nur einbilde, auch wenn ich mich so selbst belüge. Sonst könnte ich mein Studium aufgeben, da ich Lehramt studiere und mit MS nicht mehr den Nerv hätte, mich den Schülern zu stellen. Ich wäre nicht mehr bereit zu heiraten und Kinder zu bekommen, obwohl das eigentlich mein größter Traum ist. Ich habe Angst, die Perspektive auf Zukunft zu verlieren, auch wenn ich eigentlich weiß, dass es die richtige Entscheidung wäre, sich endlich untersuchen zu lassen.

Dr. Martin Meier: Das mit dem Wissen und dann Tun sind ja in der Regel 2 verschiedene Sachen. Da geht es um Verstand und Gefühl, und das ist nie einfach, auch wenn es von aussen so aussieht. Ihre Geschichte, die Sie erlebt haben klingt schon in Ansätzen sehr traurig und ich verstehe Ihre Angst, jetzt wo Sie sich verändert haben, wieder zurück zu fallen. Das ist aber glücklicherweise nicht immer so - die Angst davor ist oft größer als es dann in der Realität wäre. Genauso könnte es auch mit Ihren Symptomen sein: auch wenn wir hier einen Chat von einer MS-Selbsthilfeorganisation machen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass hinter Ihren Symptomen eine MS stecken könnte, nicht groß sondern eher klein. Sie haben recht, es gibt Verläufe, die beginnen so, es gibt aber auch viele andere - und deutlich harmlosere - Erklärungen als ausgerechnet eine MS. Und dann wäre immer noch die Frage, ob eine Diagnose - welche auch immer - tatsächlich alle Ihre Lebenspläne verändern müßte. Und dass Sie zum Arzt gehen sollten, um die Dinge abklären zu lassen, sagen Sie ja selbst, da muß ich es gar nicht mehr tun.

Dr. Martin Meier

Psychiater und Neurologe

  • 2006 Facharzt für Neurologie
  • seit 7/2005 Kombinierte neurologisch-psychiatrische Spezialstation
  • seit 7/2002 Marianne Strauss Klinik in Kempfenhausen, Fachklinik für Multiple Sklerose Kranke
  • 2002 Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
  • 1993 – 2002 Bezirkskrankenhaus Haar (heute Isar-Amper-Klinikum München-Ost)
  • 2001 Promotion am Institut für Psychosomatische Medizin der TU München

Moderator Patricia Fleischmann: @ Angela, Dr. Meier antwortet ab 20 Uhr, klein wenig Geduld, bitte.


Allgemein - Angela: Alles klar, ich hab Zeit :)


Heiko: Guten Abend, Frage: Ich habe nicht direkt ein Problem mit Depression, aber es scheint mir eher das mein Umfeld das hat. Meine Frau at sich abgewandt, mein Vater, viele "Freunde", ... Ich habe mich auf die leider notwendigen "neue Form" meines Lebens recht gut eingestellt und angepasst. Aber mein Problem ist Heute, das ich mich sehr alleine fühle. Bin ich da "auf dem Weg" in eine Depression?!?

Dr. Martin Meier: Hallo, Heiko, normalerweise versuche ich den Begriff "Depression" zu vermeiden, denn er ist sehr dehnbar und bedeutet u.U. alles oder nichts. Von einer Diagnose kann man bei Ihnen sowieso nicht sprechen. Ihre Lebensumstände haben sich verändert, noch dazu ohne Ihr Zutun wie Sie schreiben, und Sie fühlen sich allein. Das mit der Einstellung und Anpassung ist ein wichtiger Prozeß in solch einer Phase, die Frage ist, wie es Ihnen emotional damit geht. Und eine mögliche Reaktion ist das Gefühl des Alleinseins. Das ist noch nicht der Weg in eine Depression, auch wenn rückblickend viele Patienten später sagen, mit solch einem Gefühl hätte es u.a. begonnen. Die Frage wird sein, wie es Ihnen gelingt, mit diesem Gefühl umzugehen; sich hier heute zu melden ist sicher ein guter Schritt, denn er ist das Gegenteil von Rückzug etc. - und solche Schritte gibt es viele. Sie haben ein Gefühl, das bedeutet aber noch nicht, dass Ihre Handlungen davon komplett beeinflußt werden müssen - Sie haben eine Wahl. Ich finde diese Sicht wichtig, denn sie läßt mir die Möglichkeit zur Entscheidung und macht mich freier. So wie Sie sie z.B. heut getroffen haben. Wenn Sie das Gefühl haben, nicht mehr wählen zu können, keine Alternative zu sehen (und von aussen gibt es immer mindestens eine, die man als in der Situation Befindlicher nicht selber sehen kann), dann reden wir u.U. tatsächlich von einer emotionalen Störung. Wobei es noch viele andere Kriterien gibt. Das ist ein Weg, der sicher in eine andere Richtung weisen kann: g

Mandy: Inwieweit sind somatisierungsstörungen mit einer depression in verbindung zu bringen. Wie gilt dies zu erkennen , betrachten und zu Behandeln. Somatisch - psychosomatisch Ist dies ms-typisch ? Vielen dank.

Dr. Martin Meier: Hallo, Mandy, das ist aber ein großes Thema. Das werde ich in so einem Rahmen nicht schaffen. Ich fang hinten an: ich mag das Wort "psychosomatisch" ausgerechnet bei der MS nicht besonders, für mich geht es in der Behandlung um die Frage körperlich oder psychisch, Symptom durch die MS, wegen der MS oder aus ganz anderen psychischen Gründen. Es gibt alle möglichen Zusammenhänge, ich kenne inzwischen fast alle psychiatrischen Diagnosen bei MS-Betroffenen, ein typisches Muster habe ich aber nicht entdeckt. Und Somatisierungsstörungen sind nicht MS-typisch, die gibt es auch einfach so bzw. in ganz anderen Kontexten. MS und Somatisierungsstörung können aber interagieren, was die Sache nicht einfacher macht.

Anna: Guten Abend Hr.Dr.Meier. Seit meiner MS-Diagnose vor 3 Jahren, habe ich nun doch schon einige Einschränkungen. Psychisch geht´s mir z.Zt. nicht so gut, was durch eine Borderline-Störung auch noch verstärkt wird. Von meinem Neurologen bekomme ich zwar Medikamente, doch wäre auch eine Psychotherapie für mich sehr wichtig. Mein Neurologe bemüht sich seit ca. 3 Wochen darum, doch kam noch keine Rückantwort.(Bin aufgrund meiner Einschränkungen an unsere Stadt gebunden.) Ist es üblich, dass man lange warten muss, wenn man dringend einen Therapeuten benötigt oder was könnte ich noch tun? Herzlichen Dank für Ihre Antwort! LG Anna

Dr. Martin Meier: Hallo, Anna, einen ambulanten/stationären Psychtherapieplatz zu bekommen ist fast immer schwierig und mit Warten verbunden - das wird ihr Neurologe nicht unbedingt gewöht sein, denn in der Neurologie geht oft alles Zack-zack. Das hat zu tun mit begrenzten Plätzen (sowohl ambulant als auch stationär), kann aber auch eine Strategie darstellen, die Therapiewilligkeit etwas zu prüfen - die Abbrechrate ist nämlich oft sehr hoch, was für alle Beteiligten frustrierend sein kann. Und daher legen viele Einrichtungen und auch ambulante Therapeuten die Latte etwas höher. Was aus Ihrer Sicht schwierig ist. Aber mit Ihnen auch nichts zu tun hat - ich erlebe oft Patienten, die eine verschobene Aufnahme oder eine Aufnahme auf einer anderen Station als persönliche Ablehnung erleben - obwohl das nicht so ist. Aber man gibt sich als Betroffener - ist wie beim Türsteher in der Disco - u.U. selber die Schuld oder bezieht es auf sich, obwohl das gar nicht stimmt. Inwieweit Ihre beiden Diagnosen die Dinge erschweren, kann ich ehrlich gesagt nicht abschätzen, da würde ich nur mutmassen. Tip: Die Ärzte- und Psychotherapeutenkammer vermittelt freie Plätze auch direkt, einfach mal anrufen.

Ricky: Hallo, hätte eine Frage als Laie, soll man sich eine Zweitdiagnose bei Verdacht auf MS einholen und wenn ja, ist es sinnvoll die vorherigen Ergebnisse dem neuen Arzt oder Klinik mitzuteilen ????Wäre es von Vorteil für den Patienten, wenn sich der behandelnde Arzt eine eigene Meinung zum evt. Krankheitsbild bilden würde. Sollte man dazu in eine spezialisierte MS-Klinik oder zu einem Neurologen gehen? Bin ziemlich ratlos und würde mich freuen im Chat eine Antwort zu erhalten!

Dr. Martin Meier: Hallo, Ricky, auch wenn das nicht direkt zum Thema heute gehört: ich verstehe, was Sie meinen, Sie können es machen, wie Sie wollen, als Arzt kann ich aber sagen, dass vorliegende Befunde eine große Hilfe sein können - unter der Bedingung, dass ich mich davon nicht beeinflußen lasse - und das gilt für einen niedergelassenen Neurologen wie auch für die Spezialkliniken. Wenn Sie aber den Eindruck haben, dass das der Fall ist, dann sollten Sie überlegen, ob Sie nicht woanders eine zweite Meinung versuchen zu finden.


Allgemein - Filomenia: Hallo Angela, oft ist es für die Psyche besser, wenn man weiß, was einem fehlt, als wenn man immer nur Vermutungen anstellt. Dann hat man nämlich auch Erklärungen für manche vorher unklaren Symptome.


Moderator Patricia Fleischmann: @ alle: Aktuell sind 8 Chatter online. Mein Vorschlag: Tauschen Sie sich doch in der "Plauderecke" untereinander aus über Ihren Umgang mit Depressionen ...

stephie: hallo ich habe seit 2 jahren ms und habe nun seit einiger zeit ca 4 wochen immer wieder so phasen in denen ich mich gerne umbringen würde,seit 2 wochen nehme ich nun citalopram 20 mg 1 morgens aber so richtig besser wird es nicht es ist immer mal wieder so das ich alles hinwerfen würde obwohl privat eigentlich alles gut ist versteh mich selber nicht!was meinen sioe soll ich mehr tabletten nehmen oder was soll ich tun?

Dr. Martin Meier: Hallo, Stephie, erst mal finde ich gut, dass Sie sich hier versuchen Rat zu holen. Auch das mit dem Citalopram ist eine gute Idee, das dauert aber in der Regel oft bis zu 2 Wochen, in denen man auf die Wirkung warten muß - ist eine Geduldsaufgabe die Behandlung mit einem Antidepressivum für alle Beteiligten. Aber Sie sollten sich auf jeden Fall bald mit Ihrem Arzt besprechen, was es zusätzlich für Möglichkeiten der Behandlung gibt, denn der Zustand, so wie Sie ihn schildern sollte behandelt werden - und das kann man auch wirklich gut, da gibt es ganz viele Möglichkeiten - nicht nur medikamentöse, aber auch. Und auch mit Menschen sprechen, die Ihnen nahe Stehen. Ich habs grad an anderer Stelle gesagt: nicht vergraben, sondern eine andere Möglichkeit finden, mit dem Gefühl umzugehen.

Eva: Hallo Herr Dr. Meier! Ich habe eine Frage zum Thema Coping, da mir immer wieder gesagt wird, ich hätte keine Strategien. Es hilft mir nicht, mich noch weiter über MS zu informieren, da mir die Krankheit Angst macht. Depressionen habe ich seit meiner Jugend, schon vor meiner Erkrankung. Durch die MS wurden diese wieder schlimmer. Wie schaffe ich es, Coping-Strategien zu entwickeln, die mir helfen können? Ich bin in psychotherapeutischer Behandlung, die Dame sagt aber sie verstünde nichts von MS und könne mir da nicht weiterhelfen... Vielen Dank

Dr. Martin Meier: Hallo, Eva, wenn das so stimmt, wie Sie sagen, dann hat Ihre Therapeutin es sich aber ein wenig leicht gemacht. Coping hat mit der MS doch gar nichts zu tun. Sie brauchen Strategien, mit Ihrer Emotionalität umzugehen und auch Strategien, die MS zu handeln. Und u.U. sind das bei beiden Problemen dieselben Strategien. D.h. in diesem Sinn spielt es erst mal keine Rolle, ob Sie MS haben oder nicht (ausser Sie haben so schwere Symptome, dass sie erheblich alltagsbeeinträchtigend sind, das klingt aber nicht so). Coping wäre - man muß finde ich nicht immer ein englisches Wort benutzen - z.B. ein schönes Hobby (ja, ist auch englisch), eine Beschäftigung, die Sie gerne tun, etwas, das Sie auf andere Gedanken bringt, Ihnen eine Alternative bietet, Ihre Freiheit erhöht - ich habs heut schon 2x geschrieben. Es gibt sicher ganz viele Möglichkeiten - z.B. auch eine Selbsthilfegruppe mit MS-Betroffenen, oder oder oder

tom085: Guten Abend Dr. Meier, ist ein Testosteronmangel bei MS Erkrankten wahrscheinlicher als bei Gesunden?

Dr. Martin Meier: Hallo, Tom, das geht zur Abwechslung mal kurz: nein.

tom085: Gibt es Antidepressiva dich nicht müde machen bzw. weniger?

Dr. Martin Meier: Hallo, Tom, schwierige Frage, prinzipiell alle Serontonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), alle noradrenderg wirkenden etc.etc., schlecht sind die älteren Präparate, die anticholinerg wirken. Das ist aber viel Medizin, in der Praxis können fast alle müde machen, vor allem am Anfang, sich da durch zu beissen ist schwer - und wenn es dann immer noch nicht geht, muß man das Präparat wechseln - hilft nix - und ggf. ein anderes probieren.

Silke: Meine 15-jährige mit MS spritzt seit 9 Monaten Rebif - die Verstimmungen und ihre Empfindlichkeit haben stark zugenommen - der Neurologe hat zum Absetzen von Rebif geraten - warum muss das so schnell gehen?

Dr. Martin Meier: Hallo, Silke, ist auch eine schwierige Frage, aber zumindest soviel: weil es Nebenwirkungen auf Rebif sein können und zwar mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit. Egal ob da noch etwas anderes Psychisches ist oder nicht. Ich würde nicht absetzen, aber erst mal eine Pause von mindestens 6 Wochen machen und schauen, was passiert, dann entweder Präparat wechseln, Dosis verringern oder ein 2. Versuch in der alten Dosis. Da verpassen Sie in der Regel nichts, riskieren auch nicht unbedingt einen Schub (hoffentlich - weiss man ja nie, ist aber wirklich nicht wahrscheinlich). Ausserdem kann das psychische Symptom so nicht bleiben, da wäre mir auch das Psychische erst mal näher.

MaxsMa: Ich habe seit August diesen Jahres Citalopram verschrieben/verordnet bekommen. Anfangs habe ich gar keine Änderung bemerkt. Seit ca. 2 Monaten nun, habe ich den Eindruck, dass es mir seelisch schlechter geht. Können die Antidepressiva auch verschlechternd wirken?

Dr. Martin Meier: Hallo, MaxsMa, es kann auch sein, dass das Medikament einfach zu wenig wirkt, sicher ist aber auch Ihre Vermutung theoretisch möglich. Eine Verschlechterung der Depression ist aber eher selten, meist sind es Nebenwirkungen und ein nicht ausreichender Effekt, die dann mittelbar zu einer Verschlechterung der Grunderkrankung führen können.

smartina: Hallo Herr Dr. Meier! Ich denke nicht, dass ich depressiv bin. Woran könnte ich eine beginnende Depression bemerken? Und natürlich gibt es immer wieder Zeiten, in denen ich niedergeschlagener bin, weil meine MS sich mal wieder mehr meldet (nasskaltes Wetter begünstigt dies bei mir), oder ich mehrere Tage lang Kopfschmerzen habe. Das nervt, macht schlapp, aber hat ja nicht unmittelbar was mit Depression zu tun - nur wo ist die Grenze, ab wann behandelt werden sollte?

Dr. Martin Meier: Hallo, smartina, so wie Sie schreiben, wirken Sie auch nicht depressiv. Das mit der Grenze ist schwierig - weil ja schon der Begriff so dehnbar ist. Aber ganz praktisch: solange Sie selbstreflektiert sich beobachten können, was mit Ihnen passiert, sind Sie nicht zwingend depressiv. Wenn Sie es nicht mehr schaffen, über den eigenen Tellerrand des Gefühls hinauszublicken, dann ist das etwas anderes. Sie HABEN eine Niedergeschlagenheit - wie eine Grippe, die vorbeigeht, SIND aber nicht depressiv. Ist schwer zu erklären. Freud sprach von der Deformation des Ich im Kern bei der Depression. Es ist wie der Unterschied zwischen Trauern und depressiv sein, vielleicht ist der Unterschied dann besser verstehbar - in der Trauer verändere ich mich nicht als Person, sondern bin eben traurig - anders bei der Depression. Und die Indikation für die Behandlung stellt doch meist der Patient, wenn er sagt "so will ich aber nicht mehr", was auch immer das dann in der Behandlung bedeuten mag.

Heiko: Danke Ihnen für Ihr Feedback. Es ist Heute aus meiner Sicht eher so, das ich die depressive Phase nach der "offiziellen Feststellung" MS hatte. Habe 4 Jahre mit viel negativem Gewissen und ohne Sicht auf eine Perspektive durchgemacht. Heute hat sich das eher dahingehend geändert, das ich einfach sage "Mal sehen was nun kommt" und mit dem Procedere in die Frührente verbringe. Es ist mir schon klar, das nun nicht das Leben kommt, was ich mir bisher so gedacht habe. Jedoch fehlt mir eine Unterstützung von Familie oder gar "Freunden". OK, aber hier schon viele neue Kontakte gefunden, aber "nur weil wir MS haben" ist wahrlich nicht wie ich mein Leben weiter angehen will...

Dr. Martin Meier: Hallo, Heiko, danke für Ihr feedback und Ihre Offenheit. Ein Aspekt neben dem Vertrauen in einer therapeutischen Beziehung (wie auch in jeder anderen, egal ob freundschaftlich oder in einer Paarbeziehung) ist die Erwartung an den anderen; und wenn die u.U. etwas hoch ist, dann ist auch das Risiko, enttäuscht zu werden größer, was oft dann einen negativen Teufelskreis in Gang setzt. Insofern finde ich die Kontakte zu ebenfalls von MS Betroffenen sehr gut, da meist offen über Erwartungen, Vertrauen etc. gesprochen werden kann, denn alle sind erfahren im Umgang mit der eigenen Erkrankung. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen auch alles Gute.

Aida: Dr. Meier, ich bin im Zwiespalt im Umgang mit Depressionen. Ich nehme mitlerweile dies bezüglich Fluoxetin 40-0-20 mg. In meiner letzten Reha habe ich durch eine super Psychologin erkennen dürfen, dass Tabletten mir nicht reichen- ich brauche eine statonäre Therapie. Allerdings tue ich mir abartig schwer, jemand Fremden etwas über mich zu erzählen. Ich weiss schon in welche Klinik ich gehen wollen würde, wenn nicht diese Hürden wären, den Antrag zu stellen und mit Anderen darüber reden zu müssen. Ich habe bereits 2 Jahre Psychotherapie erfolglos hinter mich gebracht, weil ich nie wusste, was ich sagen soll. Was kann ich tun?

Dr. Martin Meier: Hallo, Aida, das ist in der Tat ein Problem, da wundert es mich nicht, daß die erste Therapie nicht gut geklappt hat. Therapie bedeutet übrigens nicht unbedingt, dass Sie bedingungslos jedem, der ein Schild mit Psycho- drauf hat, alles erzählen müssen; das wäre ja noch schöner. Insofern ist Ihr Zögern nur verständlich und in diesem Sinn sehr gesund. Es geht in einer Therapie um sehr viel Vertrauen, das muß sich der Therapeut aber erst mal erarbeiten - mit Ihnen zusammen, das ist klar. D.h. sehen Sie die Therapie als Möglichkeit, mit jdn. zu sprechen, nicht als Pflicht, als Bedingung - dann sind Ihre Vorbehalte sofort wieder aktiviert, da wird es nicht funktionieren. Und sagen Sie erst mal nur ein wenig, schauen dann mal, ob Sie die Reaktion verstehen können, am Ende gut finden, dann geben Sie eine Rückmeldung, dann sehen sie beide (oder die Gruppe) weiter etc. .... dann ist es ein Prozeß, den sie beeinflussen können und das Gefühl der Ohnmacht ist vielleicht etwas kleiner.

Lila: Guten Abend zusammen... Ich selber habe MS seit meinem 18. Lebensjahr. (Ich bin jetzt 24 Jahre) hatte bis März 2012 nun insgesamt 13 Schübe die letzten 9 in einer Zeitspanne von 10 Monaten. Nun Gott sei dank seit März Schubfrei (Dank Gilenya) und ohne große Einschränkungen. Nun hab ich zur Zeit leider sehr viel Stress und auch teilweise recht große Depressionsphasen. Dann geht es mir auch körperlich ziemlich schlecht. Mir geht halt dann die Frage durch den Kopf ob es wirklich an der MS liegt oder einfach Psychosomatische Schmerzen / Symptome sind. Können Depressionen bei MS also auch zu kurzzeitigen Symptomen führen die Schub ähnlich aber nicht so drastisch wie ein Schub selber sind? Danke schon einmal für Ihre Antwort!

Dr. Martin Meier: Hallo, Lila, das ist für viele Betroffene ein Riesen-Problem, die Frage "ist die Symptomatik von der MS oder ist es psychisch?" - oder am Ende beides. Das zu beantworten ist sehr schwer, hier für mich gar nicht möglich, das geht nur zusammen. Das ist genau der Grund, warum ich so wichtig finde, eine spezialisierte Station zu haben, wo ich mich um beides kümmern kann, denn auch hier gilt wieder: es geht fast nur zusammen und es dauert - eine vorgefertigte Meinung - egal von wem würde Ihnen in meinen Augen nicht helfen. Klar sagen kann ich: die MS kann alle psychischen Symptome machen und viele psychische Störungen können - auf dem Boden eines vorgeschädigten Nervensystems wie bei der MS - neurologische Symptome erzeugen.

stephie: Vielen dank für ihre antwort ich werde gleich die woche nochmal zum arzt gehen!

Dr. Martin Meier: Hallo, Stephie, das finde ich ein wirklich gute Idee, freut mich, daß Sie sich nochmal gemeldet haben. Alles Gute.

Lorena: Hallo Dr. Meier! Gibt es Ihrer Erfahrung nach eindeutige Unterscheidungsmerkmale zwischen Depression und Fatigue? Meiner Überzeugung nach habe ich eine handfeste Fatigue, muss mir jedoch dauernd Aussagen wie "Ja, Sie sind eben depressiv" anhören. Langsam nervt es ziemlich!

Dr. Martin Meier: Hallo, Lorena, die Frage kann normalerweise ein guter Neuropsychologe besser beantworten, wenn er Sie ausführlich getestet hat - und genau dazu rate ich, zu einer neuropsychologischen Testung. Alles andere wird sonst u.U. schnell unpersönlich bzw. allgemein und damit Ihnen nicht gerecht. Ein typisches Unterscheidungsmerkmal ist manchmal die Leistungskurve: bei Fatigue morgens gut, dann nachmittags/abends immer schlechter; bei der Depression morgens schlecht (kein Antrieb, nicht Aufstehen...), abends langsam besser, dann gar nicht mehr ins Bett gehen.

Moderator Patricia Fleischmann: Viel Erfolg!

Loni: Sehr geehrter herr dr. meier, Ich leide zusätzlich zu meiner fatigue ja auch an depressionen. Wie findet man heraus, ob die als eigenständiges krankheitsbild zu sehen sind, oder ms- bzw. fatigue-bedingt? Manche symptome treffen ja auch sowohl auf fatigue als auf auf depressionen zu. Ich habe jetzt z. glück einen psychotherapeuten gefunden und in wenigen tagen den ersten termin. Seit drei jahren sitze ich in einem loch und komm nicht mehr raus. Mich interessiert nichts mehr, ich kann mich zu nichts aufraggen, schaffe mit mühe und not das nötigste im haushalt. Lt aussage meiner kinder bin ich auch aggressiv. Es wird alles zuviel. Habe schon verschiedene AD ausprobiert, die aber icht viel wirklung gezeigt haben, außer nebenwirkungen. Kann es sein, dass man auf kein AD anspricht? Ich habe ehrlich gesagt keine große lust, da immer weiter zu probieren. Aber wenn man halt noch berufstätig ist … Danke!

Dr. Martin Meier: Hallo, Loni, da hat Ihr zukünftiger Therapeut aber wirklich was zu tun. Auch bei Ihnen finde ich schön, dass Sie sich heute hier melden, auch dass Sie einen Therapeuten gesucht haben - d.h., so tief ist das Loch glücklicherweise noch nicht; das ist nicht beschönigend gemeint, sondern eine Tatsache. Und die ist bei der Therapie von Depressionen sehr wichtig - Sie haben den Willen, da raus zu kommen. Und suchen sich Hilfe. Das mit den Antidepressiva kann tatsächlich sein, alles weitere wird dann aber sehr speziell und medizinisch, da brauchen Sie einen Arzt, der mit Ihnen die Arbeit zusammen macht. Es gibt Dutzende Medikamente, da werden Sie doch wahrscheinlich eines finden können. Im Nebensatz schreiben Sie noch über eine von Ihren Angehörigen wahrgenommene Aggressivität, das ist sicher noch ein zusätzliches Problem, kann auch ein Überforderungssymptom sein. Ich hatte die Idee, ob nicht z.B. eine stationäre Reha oder etwas ähnliches helfen könnte.

Lorena: Oh, da schließe ich mich gleich an....ist eine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Achse bei MS wahrscheinlicher als bei Gesunden?

Dr. Martin Meier: Hallo, Lorena, wie schon bei Tom: nein. Gibt viele Hypothesen, bisher aber keine bestätigt. Schon gar nicht in der klinischen Realität.

Filomenia: Hallo Dr. Meier, können meine immer mal wieder auftretenden Panikattacken auch was mit der MS, bzw. einer Art Depression zusammenhängen? Habe immer wieder Phasen, in denen es ganz schlimm ist und ich keine Stecken mit dem Auto fahren kann, wenn ich nicht jederzeit anhalten kann, bzw. bei einsamen Strecken bekomme ich auch oft Panik, dass ich ohnmächtig werde und keiner kommt vorbei. Ich renne auch öfter aus dem Haus, wenn ich alleine bin und ich glaube, dass ich ohnmächtig werde. Begonnen hat dies alles schon einige Zeit vor der MS Diagnose. Meistens habe ich in dieser Phase auch kein Interesse mehr an irgendwelchen Geselligkeiten.

Dr. Martin Meier: Hallo,Filomena, es klingt wie eine Angst- und Panikstörung, das hat (wenn es denn so stimmt) nichts mit einer Depression zu tun. Bei der MS erlebe ich oft Panikstörungen aus den verschiedensten Zusammenhängen (Angst, Unsicherheit vor Schub oder auch fehlende Kompensationsmechanismen durch Symptome - Pat. kann z.B. seine Angst nicht mehr wegjoggen und entwickelt in der Folge eine manifeste Angststörung ...). Glücklicherweise handelt es sich bei diesem Krankheitsbild um eine verhaltenstherapeutisch prinzipiell gut, schnell und erfolgreich (große Worte, ich weiss, habs aber oft erlebt) behandelbare Störung. Das depressive Symptom bei Ihnen ist möglicherweise eher eine Folgeerscheinung der Angst.


Allgemein - HF: Hallo Lila, ich kenne genau diese Problematik und habe im Laufe meiner MS (seit 1994) festgestellt, dass alle alten Symptome wieder hervor kommen, wenn es mnir psychisch nicht gut geht. Am Anfang dachte ich sogar immer, es sei ein Schub, aber mittlerweile weiß ich, dass ich es hinnehmen muss. Die Symptome verschwinden dann auch meistens wieder, wenn auch langsam .... Vielleicht hilft es Dir, wenn Du hörst, dass es anderen ähnlich geht. Aus meiner Selbsthilfegruppe kenne ich dieses Thema ebenfalls.......glg, heike


cathy: Herr Dr. Meier, ist ein Schub im Bereich des Hypothalamus denkbar? Ich hatte dort einen Bereich, der im MRT Kontrastmittel angereichert hat. Beim Kontrolle-MRT 6 Monate später war nichts mehr zu sehen. Nun heißt es allerdings "partielle Hypophysenvorderlappeninsuffizienz". Kann tatsächlich ein Schub hierfür verantwortlich sein? Vielen Dank für Ihre Antwort!

Dr. Martin Meier: Hallo, Cathy, ein Herd im Hypothalamus ist denkbar, eine Hypophysenvorderlappeninsuffizienz aber ist doch eigentlich was ganz anderes, da Hypothalamus und Hypophyse unterschiedlich Strukturen im Gehirn sind. Da wäre eine Einsicht der Befunde und Kernspin-Bilder glaube ich unabdingbar (auch Laborwerte etc.etc.), sonst phantasiere ich nur und das hilft Ihnen mit Ihrer konkreten Frage glaube ich nur bedingt.

Moderator Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, haben Sie vielen Dank für Ihre Teilnahme heute. Wie Dr. Meier bereits sagte, ist hier mitzuchatten und die Sache angehen zu wollen, schon ein guter Schritt. Nur nicht vergraben ! Machen Sie weiter so und allen miteinander noch eine gute Nacht. - Ganz herzlicher Dank geht natürlich an Dr. Meier für sein abendliches Engagement im AMSEL-Expertenchat ! Hier geht es erst im kommenden Jahr weiter am 15. Januar 2013. In der Zwischenzeit hilft Ihnen gern auch unser beratungsteam@amsel.de weiter. Machen Sie's gut !

Redaktion: AMSEL e.V., 05.12.2012