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Blasenstörungen bei Multipler Sklerose

Oft hilft ein Triggermechanismus, wenn es nicht so läuft, wie es soll. Mehr zum Thema von Dr. Gerald Lehrieder im AMSEL-Expertenchat.

Moderator Patricia Fleischmann: Liebe AMSEL-Chatter, Blasenprobleme bei Multipler Sklerose kommen oft vor. Dr. Gerald Lehrieder antwortet ab 19 Uhr hier im Expertenchat auf Ihre Fragen dazu.

Kuddi: Wie kriegt man den Körper dazu, beim Wasserlassen, nicht zu unterbrechen?

Dr. Gerald Lehrieder: Hier geht es darum, die Blase restharnfreii zu entleeren. Da hilft oft bei sich selbst einen sog. "Triggermechanismus" zu entdecken. Z.B. beklopfen der Bauchdecke kann helfen oder Streichen der Oberschenkel-Innenseiten. Das setzt dann eine zweite Entleerung in Gang. "Entdecke Deinen Körper" sage ich da oft dazu.

Dr. med. Gerald Lehrieder

Chefarzt der Dr. Becker Kiliani-Klinik

  • Facharzt für Neurologie
  • Zusatzbezeichnungen für Sozialmedizin und Verkehrsmedizin
  • Fachkundenachweis im Strahlenschutz und der Transfusionsmedizin
  • Spezialist auch auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose

Kuddi: Kann man den Schließmuskel trainieren?

Dr. Gerald Lehrieder: Hallo Kuddi, sehr gute und wichtige Frage. Ja, den kann man gut trainieren. Eine Physiotherapeutin kennt da auch gute Übungen zu. Wichtig ist dabei zu wissen, wie das geht. Also da braucht man professionelle Anleitung. Viele Leute "kennen" ihren Schließmuskel nicht und spannen auf die Bitte, den Schließmuskel anzuspannen, die Bauchdecke an oder kneifen den Po zusammen. Lassen Sie sich die Übungen zeigen. Manchmal ist es auch wichtig, den Schließmuskel gezielt entspannen zu können.

Jolanda: Habe Probleme beim Wasserlassen, muss mich stark konzentrieren, damit es klappt. Außerdem kann ich nur immer im kurzen schwachen Strahl pinkeln und muss dann neu ansetzen. Meistens muss ich kurz darauf schon wieder. Vor allem morgens getraue ich mich kaum aus dem Haus, weil ich ständig muss. Mag überhaupt nicht mehr mit dem Bus fahren, weil keine Toilette darin ist, oder nicht immer geöffnet. Gibt es da Linderung?

Dr. Gerald Lehrieder: Da sollte auf jeden Fall geschaut werden, woran es liegt. Die Symptome sprechen dafür, dass im Moment des Wasserlassens der Schließmechanismus nicht auf-, sondern fälschlicherweise (durch eine Fehlsteuerung) zumacht. Im Fachbegriff heißt das Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie. Haben Sie auch Restharn? Das sollte der Hausarzt oder Urologe mal überprüfen. Jolanda ist wohl eine Frau, da muss man nicht an eine Prostatavergrößerung denken, aber bei Männern sollte man neben der MS auch an so was als Ursache denken. Wenn die MS die Ursache ist, kann man schon was tun, z. B. den ständigen Drang mit Medikamenten dämpfen und dann wenn Restharn auftritt, wäre die Selbstkatheterisierung eine Hilfe.

Kuddi: Gezielt entspannen würde mich auch interessieren. Wie?

Dr. Gerald Lehrieder: Hallo Kuddi, schauen Sie doch mal bei Jolanda. Hat sich jetzt überschnitten.

Jolanda: Beckenbodentraining bringt bei mir überhaupt nichts, im Gegenteil, da verkrampfe ich noch mehr.

Dr. Gerald Lehrieder: Ja, das glaube ich. Liegt oft daran, dass man unter Beckenbodentraining oft Anspannung versteht. Oft hilft wie schon gesagt, den Beckenboden erst mal kennenzulernen und diesen dann gezielt zu entspannen. In etwa Beckenboden-Wahrnehmungstraining verbinden mit Muskelrelaxation. Kann helfen.

Carine: Hallo Dr.Lehrieder! Ich habe immer wiederkehrende Blasenentzündungen. Restharn ist ok. Ich muss fast nach jedem Glas Wasser zur Toilette. Cranberrysaft hilft nicht. Ich nehme 1x tgl. Methionin. Mictonetten, Propiverineinnahme führt m.E. wieder zur Entzündung, ebenso wie Tolperison, welches ich nehme, wenn die Spastik in den Beinen zuschlägt. Ich kann doch nicht alle 4 Wochen ein Antibiotikum nehmen.! Ich habe das Gefühl, dass mein Urologe und Neurologe ebenso ratlos sind! Was schlagen Sie mir vor?

Dr. Gerald Lehrieder: Methionin gern auch 3 mal täglich, bringt aber auch nicht immer den Durchbruch. Vielleicht mal schauen, ob Divertikel in der Blase sind, die sind oft ein Rückzugsgebiet für Keime. Und natürlich immer wieder der Hinweis, den Sie wahrscheinlich aber schon leid sind, auf die ausreichende Trinkmenge. Die meistenBetroffenen behandeln ihre Blasenstörungen durch weniger trinken. Das möchte ich an dieser Stelle mal anbringen. Das ist grundverkehrt, will ich Ihnen aber nicht unterstellen.

emma: Guten Abend Dr. Lehrieder! Gibt es eine bestimmte Stelle im ZNS, die für die Blasenfunktion "zuständig" ist?

Dr. Gerald Lehrieder: Ja, da gibt es mehrere Zentren. Zum einen in unserem Frontalhirn, wo einfach gesagt, Wille und Antrieb sitzt. Hier wird z.B. gesteuert, wenn ich willkürlich Wasserlassen will oder einen Harndrang unterdrücken muss, weil es grad nicht passt oder geht, die Toilette aufzusuchen. Oder im Hirnstamm wo wesentliche Integrationsfunktionen zusammenlaufen oder im unter Rückenmark, wo die Entleerungsreflexe ablaufen. Und natürlich müssen diese "zuständigen Zentren" miteinander über Nervenbahnen kommunizieren, miteinander in Verbindung stehen. Damit beispielsweise der Schließmuskel unten aufmacht, wenn der Blasenmuskel sich bei der Entleerung zusammenzieht.

Jolanda: Ja bin weiblich. War vor ca. 4 Jahren schon einmal beim Urologen. Habe dort auch Tamsulosin bekommen (also ein Medikament eigentlich gegen Prostatabeschwerden). Das nehme ich heute noch, da ich früher noch häufiger Harndrang hatte als heute. Restharn wurde jedoch nicht festgestellt. Habe aber das Gefühl, dass der Strahl meistens, nicht immer, sehr schwach ist. Mich würde wirklich auch die Selstkatheterisierung interessieren, vor allem in Situationen, in denen ich nicht sofort auf eine Toilette kann. Wo bekomme ich den da Hilfestellung?

Dr. Gerald Lehrieder: Fragen Sie doch mal Ihren Urologen. Der kennt Ansprechpartner. Auch manche Herstellerfirmen von Inkontinenzprodukten haben hierfür einen Servicedienst. Das Einmalkatheterisieren ist wirklich eine elegante Methode, ist in Ihrer Situation sicher den Versuch wert.

emma: Ich habe von meinem Hausarzt schon mehrfach ein 1xGranulat mit Fosfomycin bekommen, weil es sehr gut und schnell geholfen hat, sorge ich mich vor Resistenzen? Gibt es hierzu hinweise?

Dr. Gerald Lehrieder: Der häufige Antibiotikagebrauch hat immer das Risiko der Resistenzen. Wie das speziell bei diesem Einmalpräparat ist, kann ich nicht sagen.

emma: Nach einer heftigen Blasenentzündung hatte ich einen recht großen Herd (2cm) mit Ödem...es hat sehr lange gedauert bis dieser abgeklungen ist, könnte in diesem Zusammenhang eine längere Antibiose hilfreicher sein?

Dr. Gerald Lehrieder: Ich denke, da kamen doch eher zwei Dinge zusammen. Die Blasenentzündung ist eine bakterielle Entzündung in den Harnwegen, die mit Antibiotika zu behandeln ist. Die Entzündung vor allem mit Fieber kann eine Verschlechterung der MS-Symptome bewirken, ohne dass ein "echter " Schub im engeren Sinn vorliegt. Und der Herd ist Ausdruck einer Aktivität der MS, also auf der immunologischen Ebene.

Carine: Zu oben:Ich trinke wie ein Weltmeister. Dadurch sitze ich natürlich auch viel zuhaus, da ja die Miktonetten zwar wirken, aber wieder zur Blasenentzündung führen. Wie werden denn Divertikel in der Blase festgestellt?

Dr. Gerald Lehrieder: Wenn sie richtig groß sind, kann man sie mit dem Ultraschall bei gefüllter Blase sehen. Oft braucht man aber eine Kontrastmittelfüllung der Blase und eine Röntgenaufnahme. Ihr Urologe hilft da weiter.

emma: Ich finde an Fosfomycin spannend, dass es als liquorgängig beschrieben wird, was denken Sie zu hierzu? (2 Fliegen mit einer Klappe...)

Dr. Gerald Lehrieder: Die Liquorgängigkeit spielt da keine Rolle. Ziel des Fosfomycin ist hier die Blase und die Bakterien im Urin. Die Entzündung bei der MS im Nervensystem ist nicht bakteriell vermittelt. Die "zweite Fliege" ist nicht der Gegner.


Allgemein - Jolanda: Leider ist mein bisheriger Urologe, der auf Neuro-Urologie spezialisiert war weiter weggegangen an ein anderes Krankenhaus. Muss jetzt erst mal schauen, wer sich da bei mir in der Nähe auskennt. Wohne im Raum Heilbronn. Vielleicht kennt jemand einen guten Urologen mit Erfahrungen bei neurogenen Blasenstörungen.


 


Allgemein - emma: Hallo Jolanda! Frag mal bei Publicare nach, die haben in ganz Deutschland gute "Schwestern"


 


Allgemein - Jolanda: @emma: Danke für die Info


emma: Heißt das eine Blasenentzündung triggert den Abbauprozess im ZNS?

Dr. Gerald Lehrieder: Nein. Das gibt nur die Erfahrung vieler Patienten wieder, dass im Rahmen von fieberhaften Entzündungen sich ihre bestehenden Symptome verschlechtern können. Und diese Verschlechterung bessert sich dann, wenn das Fieber weg ist und die Entzündung ausgestanden. Das ist eben grade keine Verschlechterung der MS.


Allgemein - Carine: @ Jolanda: oder an den Unikliniken! Dort gibt es z.B. in Münster eine Neuro-Urologie.Vlt. gibt es die in deiner Nähe auch.


Kerstin: Hallo Herr Dr. Lehrieder, ich seit 5 Monaten Probleme mit der Blase: Ich musste ständig auf die Toilette, dann kam nicht wirklich viel. Der Neurologe meinte es kann ein Schub sein -> 3 x 1000mg Kortison brachte für etwa 1 Monat Besserung. Danach ging es wieder los. Der Urologe konnte keinen Restharn feststellen und meinte dass es MS-bedingt ist. Ich bekam Mictionorm 30 verschrieben. Mein Neurologe hat mir aufgrund dauernder Übelkeit und Magen/Darmbeschwerden Emselex 7,5 verschrieben. Die Tabletten haben gewirkt. Gibt es hier noch eine andere Möglichkeit oder nur Tabletten? Aufgrund des Schubverdachts wurde ein MRT von der Wirbelsäule gemacht, kein Herd erkennbar

Dr. Gerald Lehrieder: Hallo Kerstin. Da stecken gleich mehrere Fragen drin. Ja, Blaenstörungen können auch ein oder gar das einzige Symptom eines Schubes sein, wenn v.a. eine Entzündung ausgeschlossen ist. Dann ist Cortison in der Tat das beste. Dass sie nach erst erfolgreicher Behandlung sich gleich wieder bemerkbar machen, ist manchmal so. Dass in der MRT kein Herd erkennbar ist, ist nicht überraschend. Trotzdem darf man die Blasenstörung als Schubsymptom auffassen. Nicht jedes Medikament, das von der "Papierform" her Linderung erwarten läßt, ist auch für jeden verträglich. Da muss man in der Tat manchmal wechseln und ein bißchen "probieren". Ihr Neurologe hat ja offenbar das für Sie passende Medikament gefunden. Alternativen ohne Medikamente? Ist schwierig. Manchmal hilft es die Blase zu "erziehen" mit geplanten Toilettengängen. D.h. z.B. in passenden Momenten alle ca. 2 Std. auch ohne Drang zur Toilette zu gehen und dann langsam die Intervalle ausdehnen. Das schafft oft Ruhe dazwischen.


Allgemein - Kerstin: Was nehmt ihr gegen den ständigen Harndrang? Tabletten ... homöopathische Mittel ... Hausmittel?


Kuddi: Probleme mit dem Wasserlassen können auch nur schubweise auftreten oder werden sie immer schlechter bzw. können sie sich auch bessern?

Dr. Gerald Lehrieder: Ja. Blasenstörungen sind wie alle anderen MS-Symptome auch. D,h. sie können nur im Schub da sein, sich verschlechtern oder verbessern. Da gibt es keinen echten Unterschied zu anderen Symptomen wiez.B. Spastik.

Marlene: Einen schönen guten Abend, Herr Dr. Lehrieder! Da ich stuhlinkontinent bin, wurde von der Proktologin der Vorschlag, einen Beckenbodenschrittmacher einzusetzen, in den Raum gestellt. Gleichzeitig habe ich auch eine Blasenentleerungsstörung (atone Blase) und katheterisiere 5-6x täglich. Auch hier kann der Schrittmacher ja hilfreich sein. Haben Sie Erfahrungen in der Praxis damit gemacht? Bestehen realistische Chancen, dass sich die Blase damit tatsächlich komplett entleert und das Katheterisieren überflüssig wird?

Dr. Gerald Lehrieder: Wir haben in der Klinik damit keine Erfahrungen gemacht. Aber ich kenne Patienten, die mit einem solchen Schrittmacher in der Tat ihre Symptome besser in den Griff bekommen haben.

Carine: Könnte eine Blasenentzündung auch durch Reizung vom gefüllten Darm auf die Blase entstehen? Ich bin leider auch sehr häufig verstopft und habe das Gefühl, dass der volle Darm die Blase oder Harnleiter reizt. Nach Abführung lässt dann der Schmerz in der Blase auch wieder nach. Oder bilde ich mir das nur ein? kann da gar kein Zusammmenhang sein?

Dr. Gerald Lehrieder: Das ist keine Einbildung. Diesen Zusammenhang berichten nicht wenige Patienten. Einen regelmäßigen Stuhlgang mit milden Maßnahmen herbeizuführen lindert dann auch die Blasenbeschwerden.


Allgemein - emma: ...ich habe durch einen Zufall festgestellt, dass ich Nachts nicht Wasserlassen musste nachdem ich ca. 22.00 Tavegil genommen habe. Die Blase war auch nicht sehr voll am nächsten Morgen :-) Das habe ich gerne wiederholt!


Carine: Muss man Divertikel operativ entfernen lassen?

Dr. Gerald Lehrieder: Das hängt dann von dem Befund ab. Da sind nicht mehr wir Neurologen gefragt.

Jost: Stuhlgang klappt nicht will der After erst nach langer Zeit öffnet.

Dr. Gerald Lehrieder: Auch hier kann Beckenboden entspannung und Stuhlregulierung helfen. Manchmal helfen auch spastiklösende Medikamente in niedriger Dosierung, vor allem dann, wenn auch eine starke Beinspastik vorliegt. Das ist oft ein Hinweis darauf, dass auch der Beckenboden spastisch ist.


Allgemein - Kerstin: bei mir ist der Harndrang komischerweise (wenn ich eingeschlafen bin) gleich 0 - also meine Blase weckt mich nachts nicht


emma: Ich nehme gerne Abends Tavegil (ein Zufall) ein, da ich sehr gut durchschlafe und nicht, wie sonst um ca 1:00, die Blase völlig überfüllt ist....? Nur wie lange darf ich das so machen?

Dr. Gerald Lehrieder: Da nutzen Sie quasi eine Nebenwirkung des Tavegil aus. Ich würde das mal mit einem klassischen blasendämpfenden Medikament halt nur zur Nacht probieren.

Ernestine: Hallo Dr. Lehrieder, ich spiele mit dem Gedanken mir einen Blasenschrittmacher einsetzen zu lassen. Der ständige Drang sowie der Blasendruck nimmt zu. Ich habe alle Medikamente versucht, leider half mir kein Medi. Zur Zeit bekomme ich von meinem Neuro-Urologen Botox in den Blasenmuskel gespritzt. Was muss ich als MS-Patient eines Blasenschrittmachers beachten, außer das MRT`s Tabu sind?

Dr. Gerald Lehrieder: Wie schon gesagt, würde ich mich bei der Diskussion um Blasenschriffmacher gern zurückhalten, da ich hier wirklich nicht über eigene Erfahrungen mit Pat. verfüge.

hardyseins: Hallo Dr. Lehrieder, ich habe war noch keine Probleme mit der Blase *gottseidank*, aber seit 2000 MS. Seit ca 1. Jahr habe zunehmend Probleme mit den Beinen und nutze mittlerweile einen Rollstuhl. Da ich gesehen habe dass Sie auch Verkehrsmediziner sind, würde ich eine eine Frage in diese Richtung stellen. Im sitzen habe ich keine Probleme mit einer Spastik und sehe selbst keinerlei Probleme beim Autofahren. Das sehen auch meine Beifahrer so, und äussern keine Bedenken bei mir mitzufahren. Da der Führerschein, auch für den Arbeitsweg, sehr wichtig ist, mache ich mir Sorgen diesen verlieren zu können. Diese Befürchtung habe ich, da ich gerade einen Antrag auf das Merkzeichen aG laufen habe. Kann man mir meinen Führerschein wegnehmen, oder habe ich in einem Schadensfall mit Problemen zu rechnen? Oder was kann ich tun um das zu vermeiden? Ich möchte aber auch keine Gefahr im Straßenverkehr darstellen. Wenn meine Frage absolut nicht in den Chat passt, dann wäre ich übe reine gesonderte Antwort sehr froh. Vielen Dank

Dr. Gerald Lehrieder: In der Tat passt Ihre Frage nicht hierher. Ich denke, die Moderatorin hat Ihre Frage mitgelesen und wird die Anregung mal für einen der weiteren Chats aufgreifen. Aber soviel vorab: Einen Automatismus MS und Merkzeichen aG heßt Führerschein weg, gibt es nicht. Da wird schon genau hingeschaut. Aber genau das kann ich an dieser Stelle nicht. Lassen Sie sich informell bei einem Verkehrsmediziner in Ihrer Nähe beraten.


Allgemein - Carine: Mictonetten helfen schon bei ständigem Harndrang. Ich empfinde aber als Nebenwirkung die starke Mundtrockenheit als sehr störend.


Charly: Gibt es ein Medikament mit dem ich meine Blase für einige Stunden ganz ausschalten kann?

Dr. Gerald Lehrieder: Ganz ausschalten? Was ist da gemeint? Wahrscheinlich meinen Sie, ein Medikament, das dafür sorgt, dass für ein paar Stunden einfach mal Ruhe ist, damit man ins Kino oder ins Theater kann? Manche Patienten nehmen zu diesem Zweck quasi bei Bedarf bestimmte Medikamente zur Blasendämpfung, solche mit einer rasch einsetzenden Wirkung. Aber da brauchen Sie Beratung vorher. Da müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, z.B. darf kein Restharn vorliegen, die Prostata sollte nicht vergrößert sein, etc. So richtig empfehlen kann man diese Strategie nicht, ich weiß aber, dass es oft gemacht wird.

Charly: Gibt es ein Medikament mit dem ich meine Blase für einige Stunden ganz ausschalten kann?

Dr. Gerald Lehrieder: Hi Charly, siehe an anderer Stelle.

Carine: Was halten Sie davon, die Blase zu botoxen?

Dr. Gerald Lehrieder: Ist sehr elegant. Ist eine echte Alternative zu Medikamenten, die man zur Dämpfung der Blase einnehmen kann. Denn da wird das Botox in die Blasenwand gespritzt und die Blasenwand quasi gelähmt. Aber vorher sollte man das Einmalkatheterisieren erlernen, um den Restharn loszuwerden oder im Fall eines Harnverhalts gewappnet zu sein. Und noch ein Vorteil: Anders als bei anderen Botox-Anwendungen muss man nicht so oft spritzen, manchmal reichen zwei oder drei Injektionen in sechsmonatigem Abstand. Aber das ist sehr individuell. Die Behandlung selbst macht nicht der Neurologe, sondern der Urologe über eine Blasenspiegelung.

Marlene: Der Nachteil von so einem Schrittmacher wäre ja, dass keine MRT vom der WS mehr möglich wäre - ob vom Kopf, dazu gibt es unterschiedliche Aussagen von Seiten der Radiologen. Welche Rolle spielt die MRT noch nach der Diagnose - abgesehen von der Beurteilung der subklinischen Krankheitsaktivität? Ist sie wichtig, um andere Krankheiten abzugrenzen? Etwa PML?

Dr. Gerald Lehrieder: Die MRT ist zur Verlaufsbeurteilung der MS schon wichtig, in der Frage des Ansprechens von Medikamenten, aber auch wie Sie selbst sagen, in der Diagnose anderer Erkrankungen, übrigens nicht nur auf neurologischem Gebiet.


Allgemein - Carine: Die Frage von hardyseins finde ich auch ganz interessant!


Vera: Hallo Herr Dr. Gerald Lehrieder, ich habe schon seit 15 Jahren phasenweise massive Blasenstörungen (d.h. halte dann kein Meeting durch, muss alle 10 Min auf die Toilette etc.). Faktoren wie Tumore etc. wurden nach eine Blasenspiegelung ausgeschlossen; Diagnose damals: nervöse Reizblase. Damals habe ich Tolterodin von Pfizer bekommen – und die haben auch gut geholfen. V.a. wenn ich längere Termine habe oder ins Theater gehe etc. nehme ich die vereinzelt immer noch gern. Seit 2 Jahren habe ich nun meine MS-Diagnose (mit vielen Läsionen, u.a. im Rückenmark) und ich gehe davon aus, dass meine Blasenprobleme daher rühren. Mein Neurologe sagt aber, dass das wahrscheinlich nichts miteinander zu tun hat und zögert, mir die Tabletten für „Notfälle“ zu verschreiben. Meine Frage: wenn Tolterodin bei meinen Blasenstörungen hilft, heißt das dann, dass die Ursache wahrscheinlich nicht in der MS zu suchen ist? Vielen Dank!

Dr. Gerald Lehrieder: Nein, das heißt hinsichtlich der Ursache der Blasenstörung nichts. Das heißt nur, dass Sie, wie Sie das beschreiben, eine Drangproblematik, vielleicht mit Inkontinenz haben, und dafür ist Tolterodin zugelassen und hilfreich, unabhängig von der Grunderkrankung.


Allgemein - Carine: @Ernestine: Botox in den Blasenmuskel: Wie oft wird das bei dir wiederholt? Ist die Spritze schmerzhaft?


Moderator Patricia Fleischmann: @ hardyseins und Carine: Gern machen wir mal einen Chat zum Thema Autofahren und Multiple Sklerose. Danke für die Anregung :-) --- Eintragen lassen muss man eine Diagnose MS in den Führerschein jedenfalls nicht, wie jüngst ein AMSEL-Sozialarbeiter beim Verkehrsministerium erfragt hat: http://www.amsel.de/multiple-sklerose-news/recht/Eintrag-der-Multiplen-Sklerose-in-den-Fuehrerschein_6302

emma: Gibt es einen Zusammenhang mit der Verschlechterung des Sehnervs und Verschlechterung der Blasenfunktion?

Dr. Gerald Lehrieder: Keinen direkten. Beide Systeme können bei einer Progression der MS betroffen sein, gemeinsam oder unabhängig voneinander. Aber die Verschlechterung zeigt eine Aktivität der MS an, die Sie mit Ihrer/m Neurologin/en besprechen sollten, damit Sie gemeinsam ggfs. über Änderungen des Therapieregimes auf Immunebene reden.

emma: Die neue Pressemitteilung über die schädliche Wirkung von Kontrastmittel auf das ZNS überschatten mein anstehendes cMRT... kann ich mit viel trinken einfach alles über die Niere ausscheiden, oder macht es auch in Niere und Blase Probleme?

Dr. Gerald Lehrieder: Lassen Sie sich zunächst nicht verunsichern. Sprechen Sie mit Ihrem Neurologen über die Fragen, auf die er sich von der MRT Antworten erhofft und diskutieren Sie mit ihm die Nutzen-Risiko-Abwägung.


Allgemein - Ernestine: @Carine Das kommt ganz darauf an. Wenn die Wirkung nach lässt wird wieder gespritzt. Die Behandlung wird unter Vollnarkose durchgeführt. Der KKH Aufenthalt dauert 4 Tage. Im übrigen katheterisiere ich 4-6 mal am Tag.


 


Allgemein - Carine: Oh, jedesmal eine Vollnarkose!


 


Allgemein - Ernestine: Eine Botoxpatientin hat es ohne Vollnarkose probiert, sie sagt nie wieder. Es muss wohl sehr schmerzhaft gewesen sein. Der Eingriff dauert ca. 30 Minuten.


 


Allgemein - Carine: Zwei oder drei Injektionen in sechsmonatigem Abstand, wie Dr. Lehrieder schreibt, und immer Vollnarkose :(


 


Allgemein - Ernestine: Ja leider, aber wenn die Beschwerden dich jeden Tag massiv einschränken ist einem das letztendlich egal. Hauptsache der Drang und der Blasendruck hört auf.


 


Allgemein - Carine: Ja, das versteh ich


Vera: danke :)

Dr. Gerald Lehrieder: Sehr gern geschehen und einen schönen Abend an Sie alle.

Carine: Was halten Sie von einer Strovac-Impfung der Blase?

Dr. Gerald Lehrieder: Dazu habe ich leider keine Erfahrungen!

Carine: Danke!

Dr. Gerald Lehrieder: Gern geschehen.

Moderator Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, das war's für heute im AMSEL-Expertenchat. Danke für Ihre Fragen. Und ein ganz großes DANKE an Dr. Gerald Lehrieder für seinen Einsatz ! Am 19..04. öffnen die Chattore wieder. Thema und Experte vorher unter www.amsel.de. Ich wünsche allen miteinander einen schönen restlichen Abend.

Redaktion: AMSEL e.V., 05.04.2016