Moderator Patricia Fleischmann: Hallo und guten Abend, liebe AMSEL-Chatter! In wenigen Minuten antwortet hier Prof. Horst Wiethölter auf Ihre Fragen zur Behandlung der Multiplen Sklerose. Um 19 Uhr geht's los.
Charly: Sehr geehrter Prof. Wiethölter, bei mir wurde 1997 MS festgestellt, habe aber die Beschwerden schon früher gehabt. Ich habe eine sekundär chronisch progrediente Verlaufsform. Mittlerweile bin ich auf den Rollstuhl angewiesen.´An Medikamenten bekomme ich ein Antispastikum und vierteljährliche Cortisongabe. Seit zwei Jahren nimmt mich das Klinikum in Kaiserslautern deswegen nicht mehr auf. Ich kann dafür zum Glück zur Hausärztin gerhen. Mein behandelnder Neurologe hat mich einmal zu Hause besucht. Das liegt mittlerweile auch schon zwei Jahre zurück. Andere Medikamente wurden mehrmals von der Krankenkasse abgeleht oder von den Ärzten erst gar nicht gegeben worden Deshalb meine Bitte an Sie. Können Sie mir helfen? Mein Name ist Charly [v.d. Red. geändert], bin 45 Jahre alt und würde mich über eine Antwort von Ihnen freuen.Danke.
Prof. Horst Wiethölter: Lieber Charly, bei der von Ihnen geschilderten Konstellation bin ich mir nicht sicher, ob weitere Schübe dem chronischen Verlauf trotzdem noch aufsitzen. Wenn dem so wäre käme aus meiner Sicht auf jeden Fall eine eskalierende Therapie in Betracht. Als eskalierendes (mit verschärfter Wirkung) Medikament käme möglicherweise Mitoxantron in Betracht. Es handelt sich dabei um ein Medikament, das in regelmäßigen Abständen als Infusion gegeben werden muss und das einige, wenn auch nicht schwere Nebenwirkungen hat. Wenn Sie bislang niemals ein Interferon zur Behandlung bekommen haben, wäre durchaus auch ein Versuch mit dem Beta Interferon 1b möglich, ein Medikament, das jeden zweiten Tag unter die Haut gepritzt werden muss, was Sie im Prinzip selbstverständlich allein machen können. Hilfe werden Sie dazu nicht benötigen. Ansonsten ist bei einem rein chronischen Verlauf ohne aufgesetzte Schübe die regelmäßige Cortisongabe durchaus angebracht und sinnvoll. Ich gehe davon aus, dass Sie Cortison in einer Dosierung von 500-1000 mg / Infusion bekommen.
| Prof. Horst Wiethölter |

Klinische Ausbildung an der Universität Tübingen in den Gebieten Neuropathologie, Neurologie und Psychiatrie.
- 1984 bis 1989 Oberarzt an der Neurologischen. Universitätsklinik Tübingen.
- 1985 Habilitation für das Fach Neurologie.
- 1989 bis 1992 Stellvertreter des Direktors der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen.
- 1992 bis zur Emeritierung 2009 Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik am Bürgerhospital im Klinikum Stuttgart.
Seit 1985 besonderes Interesse an der Ursachenforschung und Behandlung neuroimmunologischer Erkrankungen insbesondere der MS. Ende 2009 emeritiert. - Weiter Mitglied im Ärztlichen Beirat der DMSG.
- Und Mitglied im Ärztlichen Beirat und im Vorstand der AMSEL.
M.: Hallo Herr Wiethölter, bei mir wurde MS 2006 bei einem akuten Schub diagnostiziert, erste Symptome lassen sich jedoch bis 2001 zurückverfolgen. In den vergangenen zwei Jahren verschlechterte sich meine Gehfähigkeit sukzessive auch ohne erkennbare Schübe. Da Ferndiagnosen ja schwierig sind, gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass sich ein sekundär progredienter Verlauf eingestellt hat und frage, welche sinnvollen (Basis)Therapiemöglichkeiten (derzeit noch Copaxone) nach Ihrer Meinung in Frage kommen. Mit freundlichen Grüßen M
Prof. Horst Wiethölter: Hallo M., bei einem sekundär chronisch progredienten Verlauf hat sich Interferon Beta 1b als wirksames Basistherapeutikum erwiesen. Allerdings muss man einschränkend dazu sagen, dass die Effektivität davon abhängt, ob und wie viel Schübe sich dem chronisch progredienten Verlauf noch aufsetzen. Vermutlich werden nur diese mit der Interferon Beta 1b-Therapie behandelt. Wenn Sie sich nicht sicher sind, sollten Sie noch einmal mit einem Fachmann reden, der vielleicht besser abschätzen kann, ob auch schubförmige Verschlechterungen noch nachweisbar sind oder nicht.
Joachim: Guten Abend, meine Frau ist durch die MS sehr stark in der Gehfähigkeit eingeschränkt. Wie kann es sein, das Sie heute eine Treppe verhältnismäßig gut bewältigt und am anderen Tag nur mit geeigneten Hilfsmitteln?
Prof. Horst Wiethölter: Lieber Joachim, die Beeinträchtigungen durch die MS ist üblicherweise nicht jeden Tag gleich stark. Das hängt damit zusammen,dass wie auch bei anderen Menschen ein Tag besser ist und ein Tag schlechter. Vom Gemüt her als auch von der körperlichen Verfassung. Bei MS-Patienten macht sich das in ganz besonderer Weise bemerkbar, da die Funktionen, die sie ausüben, gerade noch ausführbar sind und bei leichter Verschlechterung nicht mehr. Einflüsse darauf hat z.B. die Temperatur bei einer Reihe von Patienten, die sich in kühler Umgebung deutlich leistungsfähiger empfinden als in warmer. Möglicherweise spielt auch eine sog. "MS-Fatigue", eine vorzeitige Erschöpfbarkeit, eine Rolle, unter der sehr viele MS-Patienten leiden. Hier hilft neben medikamentösen Maßnahmen vor allem ein gutes Management des Tages, um Belastungen vernünftig über den Tag zu verteilen.
Helge69: Guten Abend in die Runde! Bei mir ist seit Mitte letzten Jahres MS diagnostiziert worden. Ich spritze seit dem Rebif. gibt es erfolgversprechende komplementärmedizinische Ansätze zur Unterstützung?
Prof. Horst Wiethölter: Lieber Helge, ja selbstverständlich. Ich denke dabei nicht an medikamentöse Hilfen, sondern an allgemeine Regeln, die den Verlauf der MS positiv beeinflussen können. Das ist zum einen entsprechende körperliche Bewegung, ein insgesamt gesunder Lebenswandel mit entsprechender gesunder Ernährung. Dazu gehört natürlich auch das Meiden von toxischen Substanzen, z.B. Nikotin und übermäßiger Alkoholkonsum. Die zeitweise geübte zusätzliche Gabe von Vitaminen oder einem Statin haben wir inzwischen verlassen, da sie keinen, vor allem nicht den gewünschten, Effekt bringen.
Fritz Gmöhling: Ich bin seit ca. 3 Jahren Tysabri-Patient. Aufgrund der langen Behandlungsdauer und der damit höchstwahrscheinlich wachsenden Gefahr an PML zu erkranken, würde ich gerne das Medikament in naher Zukunft wechseln. Allerdings möchte ich keinesfalls wieder zurück zu Avonex und Co. Wann ist ein Medikament in Sicht, welches ähnliche Erfolgschancen wie Tysabri verspricht, aber ein (zumindest anfangs) geringeres Nebenwirkungsprofil hat? Vielen Dank schonmal für die Antwort!
Prof. Horst Wiethölter: Lieber Herr Gmöhling, es gibt einige Medikamente, die sozusagen auf dem Sprung sind zugelassen zu werden. Dazu gehört vor allem das Fingolimod, ein orales Medikament, das in einer jetzt abgeschlossenen Phase III-Studie eine ausgesprochen gute Wirksamkeit gezeigt hat. Ich erwarte aber eine Zulassung nicht vor Ende diesen Jahres. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, auf Glatiramerazetat umzusteigen, wenn Ihnen die Interferone aus welchen Gründen auch immer nicht genehm sind?
Joachim: Vielen Dank für die Antwort Esdrängt sich mir jedoch noch eine Frage auf. Meine Frau nimmt gegen Brennschmerzen in den Beinen das Medikament Tramadol. Mit Lyrika haben wir Schiffbruch erlitten( fast keine Kraft mehr in den Beinen). Gibt es eventuell noch ein Medikament auf das wir behadelnde Ärzte hinweisen können,da meine Frau in Kürze nach Hachen in eine Spezialklinik geht um wieder eine Cortisonstoßtherapie zu nehmen.
Prof. Horst Wiethölter: Lieber Joachim, an sich ist Lyrica für diese Konstellation ein gutes Medikament, wenn Sie es aber nicht verträgt, wäre ein Versuch mit Gabapentin (Neurontin) denkbar. Man kann aber nicht sicher ausschließen, dass auch darunter störende Nebenwirkungen auftreten. Lieber noch als Tramadol wäre mir aber ein Behandlungsversuch mit Novalgin, das man sowohl als Tropfen sehr gut dosieren kann oder wenn man lieber möchte als Tablette nehmen. Die Verträglichkeit ist ausgesprochen gut und die Wirkung bei den meisten Menschen, auch mit Brennschmerzen, sehr gut.
Fuzzi: Hallo, Im grünen Tee ist EGCG enthalten welches offensichtlich für MS-Patienten einen großen Nutzen aufweisen könnte. Eine mögliche Therapieoption für die Zukunft ? Wie ist ihre Einschätzung ?
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Fuzzi, die Untersuchung mit dem von manchen hochgelobten grünen Tee hat nicht den Effekt gehabt, den wir erhofft hatten. Schädlich ist es wohl nicht und kann daher auch ohne Probleme weiter eingenommen werden.
Nina: Hallo Herr Prof. Wiethölter, meine Frage passt zwar nicht unmittelbar zur heutigen Problematik, Ihre Einschätzung wäre aber sehr wichig für mich. Ich beginne im April meine Doktorarbeit an einem virologischen Institut, hierfür muss ich mich gegen Hepatitis-B impfen lassen. Meine Frage ist nun, ob ich mich gegen Hepatitis-A gleich mitimpfen lassen soll, oder erhöht dies das Risiko für einen Schub zusätzlich? Diese Impfung ist freiwillig, aber auch empfohlen.Ich habe seit 2006 MS und nehme Rebif44. Vielen Dank ür Ihre Antwort!
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Nina, das Risiko bei Hepatitis B Impfung ist nach den neuesten Daten offensichtlich sehr gering. Hepatitis A ist etwas problematischer, aber nicht so, dass man nicht bei der neuen Arbeitsstelle davon abraten sollte. Viel schlimmer wäre es, wenn Sie sich anstecken sollten. Also ich würde Ihnen, soweit ich das einschätzen kann, zur Impfung raten.
Joachim: Noch eine Frage Bei der letzten Cortisonstoßtherapie war der Erfog zunächst einmal nicht so wie wir erwartet hätten. Es gab eine recht große Schwächeperiode. Auf nachfragen wurde uns bedeutet es handele sich wohl um das "sogenannte Cortisonloch." Gibt es so etwas überhaupt? Wir kannten diese Sympthome aus vorangegangenen Behandlungen nicht.
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Joachim, es gibt grundsätzlich die Möglichkeit, dass man nach einer Cortisonbehandlung in ein "Loch" fällt. Nach einer einmaligen Infusion habe ich das aber bislang nicht erlebt. Es gibt wohl Patienten, die auf die Cortisongabe depressiv reagieren und müde sind. Dies wiederholt sich meistens bei weiteren folgenden Cortisoninfusionen und wechselt selten auf eine gute anregende Wirksamkeit wie auch umgekehrt. Das "Loch" kann man bei etwas längerer Cortisongabe damit erklären, dass die eigene Produktion, die während der Cortisongabe unterdrückt worden ist, noch nicht wieder in Gang gekommen ist und damit ein gewissenes Cortisondefizit verursacht.
uwe: Hallo Herr Wiethölter, ich bekomme Mitox und habe nach 3 maliger Gabe wegen einer Infektion und Reha eine 7 monatige Pause eingelegt und jetzt wieder angefangen. Bis dahin habe ich keinen Stillstand gemerkt.Wie lange dauert es, um ggfs.einen Effekt zu merken und wie lange sollte man mit der Mitoxgabe noch weitermachen ? Bis jetzt habe ich immer nur das Gefühl, dass es mir schlechter geht und die Nebenwirkungen sind auch recht häftig. Ich habe jetzt noch eine Erkältung gleich nach der Chemo bekommen und nun kann ich fast gar nicht mehr laufen. Ich haben den skundär progridienten Verlauf bin 60 Jahre alt und die MS wurde vor 3 Jahren festgestellt.
Prof. Horst Wiethölter: Lieber Uwe, ich denke, dass man ein Jahr einer kontrollierten Behandlung mit Mitoxantron abwarten sollte, um den Effekt vernünftig abschätzen zu können. Das hängt natürlich auch davon ab, wie rasch progredient der Verlauf vor Beginn der Behandlung gewesen ist. Jedenfalls wäre es wichtig, den Therapieverlauf mit entsprechender Bildgebung (MRT) und Elektrophysiologie exakt zu dokumentieren.
teresa: Guten Abend, meine Fragen: ich spritze seit 9 Jahren Rebif, zuerst 22 dann 44. Zusätzlich nehme ich modafinil, tolperison, am meisten plagen mich die Erschöpfung und seit geraumer Zeit auch Koordinationsschwierigkeiten, Gangunsicherheit und Rückenschmerzen. Ein moderates Training wie ich es früher praktiziert habe ist nicht mehr möglich und ich vermute die fehlende Bewegung verstärkt meine Rückenprobleme. In den zurückliegenden Jahren konnte ich mich nach schwierigen Phasen immer wieder herankämpfen, aber das gelingt mir seit ca. 2 Jahren nicht mehr, obwohl ich nicht die konkreten Schübe habe, es ist eher dauerhaft wie leichter Schub. Kann ich mit Medikamenten noch etwas erreichen?
Prof. Horst Wiethölter: Liebe Teresa, leider haben wir außer dem Modafinil zur Bekämpfung der vorzeitigen Erschöpfung kein gutes Alternativpräparat. Manche Patienten profitieren von Amantadin (z.B. PK Merz). Ein Versuch wäre es meines Erachtens wert. Ich glaube, ansonsten kann man die Beschwerden, die Sie schildern, tatsächlich auf die verminderte Aktivität zurückführen. Vielleicht können Sie dem mit einem "Energiemanagement" etwas besser beikommen. Verzichten sollten Sie auf eine entsprechende körperliche Bewegung nicht. Notfalls muss die Bewegung passiv mit entsprechenden Geräten unterstützt werden.
Helge69: Danke für die Antwort. Eine zweite Frage hätte ich noch. Was halten Sie von Weihrauchpräparaten zur Behandlung von Akutschüben?
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Helge, Weihrauchpräparate sind zur Behandlung der MS nicht zugelassen. Sie haben einen offensichtlich etwas stimmungsaufhellenden Effekt, sind aber zur Behandlung einer MS wenig wirksam einsetzbar. Eventuell, das ist aber nicht untersucht, vermag Weihrauch die Blut-Hirn-Schranke, die häufig im akuten Schub gestört ist, besser zu schließen.
Fuzzi: Danke für ihre Auskunft. Sind die langfristigen Nebenwirkungen von Beta-interferon mittlerweile ausreichend bekannt und tragbar ? Ist die Einnahme von Fischölkapseln unterstützend sinnvoll oder nicht (z.B.Epamax) ? Bin noch kein MS-Patient, leider besteht aber ein erster Verdacht in Richtung MS.
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Fuzzi, Fischölkapseln sind unabhängig von der Frage MS oder nicht eine sinnvolle Nahrungsergänzung, wenn man auf den Ursprung, nämlich den Fisch selber, unbedingt verzichten möchte. Mit einer wöchentlichen Fischmahlzeit erreichen Sie den gleichen Effekt auf verschiedene Systeme und Funktionen im Körper. Die Langzeitnebenwirkung von Interferonen ist über jetzt 18 Jahre dokumentiert und als unbedeutend beschrieben. Die meisten Nebenwirkungen treten in der ersten Zeit auf und sind dann rückläufig. Dauerhafte Nebenwirkungen oder solche, die nach Jahren auftreten, sind eine Rarität. Es gibt inzwischen eine große Anzahl von Patienten, die auch über diese Zeit von Interferonen profitiert haben, ohne Wirkungsverlust, so dass die Interferonbehandlung zunächst immer zeitlich unbegrenzt angeboten wird.
Fuzzi: Ist mit deutlichen Fortschritten in der MS-Therapie in den nächsten 3-5 Jahren zu rechnen ? Wie ist ihre Einschätzung ?
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Fuzzi, ja, da bin ich mir sehr sicher. Es gibt im Moment so viele aussichtsreiche Aktivitäten, die alle noch in den nächsten zwei bis drei Jahren beweisen werden, ob sie zur Behandlung der MS sinnvoll eingesetzt werden können, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sich diese insbesondere medikamentösen Behandlungen als unwirksam erweisen sollten. In diesem Jahr allerdings rechne ich nicht mit der Zulassung eines der neuen Medikamente, nächstes Jahr aber relativ sicher.
Fuzzi: Gibt es seriöse Untersuchungen zur Behandlung von männlichen MS-Patienten mit Testosteron ? Ich habe offensichtlich anlagebedingt einen grenzwertigen niedrigen Testosteronspiegel. Parallel dazu ist der Eisenspiegel bei Messungen immer recht niedrig. Zusammenhang mit MS möglich ?
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Fuzzi, einen Zusammenhang von Testosteron- und Eisenspiegel gibt es mit der MS nicht. Allerdings kann ein entsprechend niedriger Testosteronspiegel oder Eisenmangel zu Symptomen führen, die gewisse Ähnlichkeiten mit manchen MS-Symptomen haben können. Sie sollten sich deshalb von einem versierten Endokrinologen beraten und eventuell behandeln lassen. Auf eine fragliche MS hat dies keinen Einfluss.
Joachim: Haben Sie schon einmal etwas von dem zur MS ergänzenden Behandlung benutzten Wirkstoff Rutin gehört? Wenn ja, wie wirkt der?
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Joachim, es gibt aus meiner Sicht keinen vernünftigen Grund, bei der MS Rutin einzusetzen. Vielmehr hat Rutin in erhöhter Konzentration durchaus unter Umständen erhebliche Nebenwirkungen. Ich würde von einer begleitenden Behandlung mit Rutin abraten.
mono: Hallo Herr Wiethölter. Ich habe seit '97 MS, jetzt wurde die sekundär progrediente Verlaufsform festgestellt. Im Dezember hatte ich nun zum ersten Mal meine Mitox-Infusion. Seitdem kann ich eigentlich immer schlechter laufen. Die zweite Mitox-Behandlung steht nun an, die will ich auf jeden Fall machen. Muss ich weitere Verschlechterungen erwarten? Und: treten auch irgendwann positive Veränderungen ein? Ich hoffe das doch sehr....
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Mono, eine einzige Infusion mit Mitoxantron sagt in ihrer Wirkung nichts aus über die weitere Wirksamkeit. Es ist auch durchaus möglich, dass bei einer späteren Mitoxantronbehandlung mal wieder eine Verschlechterung auftritt. Dies spricht aber nicht gegen die grundsätzlich mögliche positive Wirkung des Mitoxantron. Sie sollten auf jeden Fall ein Jahr Behandlung überblicken, um zu entscheiden, ob Sie davon profitieren oder nicht, ehe Sie sich zum Absetzen entscheiden.
uwe: Hallo Herr Wiethölter, vielen Dank für Ihre Antwort. Was bitte ist Elektrophysiologie ? Das kenne ich nicht.
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Uwe, elektrophysiologische Untersuchungen sind z.B. das VEP (Untersuchung des Sehnerven über das Angebot eines Schachbretts im Monitor), einzelne SEP's (Untersuchungen der Nervenbahnen vom Bein bis zum Kopf mit elektrischem Strom, der am Knöchel appliziert wird und über dem Hirn auf der Kopfhaut abgeleitet wird). Eine weitere Untersuchung ist die Magnetstimulation, bei der über dem Gehirn mit einem Magneten die Nervenzellen gereizt werden und der Erfolg am Unterschenkelmuskel abgeleitet werden kann. Alles Untersuchungen, mit denen wir die Leitungsfunktionen der für das Gefühl und die Muskulatur verantwortlichen Nervenbahnen messen können. Sie sind gestört, wenn eine MS zu einer Unterbrechung der Nervenbahnen z.B. im Rückenmark oder Gehirn geführt hat.
pendo: Hallo Herr Wiethölter, ich habe vor kurzem 5 Tage 1g Cortison und nach einer Konroll MRT nochmals 5 Tage 2g Cortison erhalten, da die Entzündung im Kopf sich vergrößert hat. Nach Ausschleichem vom Cortison bin ich nun völlig neben der Spur. Ständig müde, Schlafprobleme und die Kraft im rechten Fuß ist auch nicht mehr vorhanden. Wie lange dauert es, bis das Cortison aus dem Körpfer abgebaut ist und die Nebenwirkungen wieder besser werden?
Prof. Horst Wiethölter: Hallo pendo, Sie haben eine relativ hohe Dosis Cortison bekommen, wie mir scheint völlig zu Recht, aber mit entsprechenden Folgesymptomen. Da der Körper für eine längere Zeit die eigene Cortisonproduktion komplett eingestellt hat, kann es manchmal bis zu drei/vier Wochen dauern, ehe sich die Produktion wieder eingespielt hat. Normalerweise versucht man die Nebenwirkungen durch ein Ausschleichmanagement (das bei Ihnen offensichtlich gemacht worden ist) zu umgehen. Eventuell müsste man, falls Sie zu sehr unter diesem Cortisonmangel leiden, mit einer kleinen Dosis für eine Weile nachhelfen.
Ann68: Guten Abend, was halten sie von der These des Prof.Zamboni zur venösen MS und CCSVI? Ist es möglich dass die Behandlung so einfach sein kann?
Prof. Horst Wiethölter: Liebe Ann, diese These von Herrn Prof. Zamboni ist bei allen Experten, die sich mit der MS professionell beschäftigen, auf Unverständnis gestoßen. D.h. "so einfach ist die Behandlung nicht".
Fuzzi: Gibt es irgendein Präparat (Enzyme, Mineralien etc.) das sie MS-Patienten im Frühstadium ergänzend zur Basistherapie empfehlen könnten ? Danke für ihre Geduld bei diesen ganzen Fragen zu Alternativen Mittelchen ;o)
Prof. Horst Wiethölter: Hallo Fuzzi, es wird immer wieder behauptet, dass Enzyme, z.B. das Wobenzym, einen positiven Effekt auf den Verlauf der MS haben könnte. Die Untersuchungen dazu waren aber enttäuschend und haben keinen eindeutigen Effekt gezeigt. So verhält es sich auch mit einer Reihe von anderen Begleitmedikamenten, die alle irgendwann auch zur Behandlung der MS propagiert wurden. Die Anwendung von Mineralien sehe ich wissenschaftlich nicht begründbar.
Göddel Christa: Ich habe chronisch progrediente MS .Bekomme vierteljährliche Cortison und eiin Antispatikum. Viele andere Medikamente ,auch Mitoxantron wurden abgelehnt. Können Sie mir weiterhelfen?
Prof. Horst Wiethölter: Liebe Frau Göddel, eine andere Therapie als Cortison in regelmäßigen Abständen oder auch Mitoxantron haben wir bei der rein chronisch progredienten Form der MS derzeit nicht (noch nicht) zur Verfügung. Insofern wäre zunächst zu fragen, ob Sie von dem Cortison profitieren oder ob es Ihnen gar nichts hilft und weiter würde mich interessieren, warum das Mitoxantron abgelehnt wurde. Es gibt sicher dafür handfeste Gründe. Ansonsten sollte man diese Frage noch einmal zur Diskussion stellen.
binti: Was wenn Betaferon, Copaxone und Avonex nicht vertragen werden. Tysabri, Mitoxantron vom Patienten abgelehnt werden? Was für Möglichkeiten gibt es dann noch?
Prof. Horst Wiethölter: Hallo binti, mich würde interessieren, warum Sie Tysabri oder Mitoxantron ablehnen. Vielleicht haben Sie andere Vorstellungen von Wirkung und Nebenwirkung als ich. Natürlich können Sie auf jede Medikation verzichten, um sich mit den nichtmedikamentösen Maßnahmen so gut wie möglich zu behelfen. Eine medikamentöse Alternative ist Azathioprin, ein die Immunantwort unterdrückendes Medikament mit geringerer Wirksamkeit als die Interferone. Je nachdem, wie häufig Schübe auftreten, können Sie eventuell auch einen Versuch mit regelmäßigen Cortisoninfusionen machen. Z.B. alle drei Monate drei Tage 750 mg Urbason als Infusion. Diese Therapie ist zwar nicht zugelassen, aber der Kasse gegenüber durchaus zu vertreten.
Mario: Ich trinke unabhängig von meiner MS-Erkrankung regelmäßig seit Jahren 1-2 Tassen grünen Tee am Abend. Jetzt liest man von Studien,das grüner Tee bei Selbstbehandlung mit Nebenwirkung zu rechnen ist. Ich behandel mich nicht selbst damit.Ich trinke ihn,weil er mir schmeckt. Ist das für mich schädlich?????? Viele Grüße Mario vom Sachsenring
Prof. Horst Wiethölter: Lieber Mario, in dieser Dosierung von 1-2 Tassen am Tag sollten Sie den grünen Tee genießen. Ein Problem sehe ich nicht.
pendo: noch eine Frage, was halten Sie von einer Ergänzungstherapie zu Betaferon mit Cortison alle 3 Monate. Gibt es hierzu Langzeitstudien? Vielen Dank für Ihre Antwort
Prof. Horst Wiethölter: Hallo pendo, richtig aussagekräftige Studien gibt es zu dieser Kombination nicht. Es gibt wohl Studien zur Wirksamkeit einer Langzeittherapie mit intermittierender Cortisongabe und natürlich zu Betaferon. Die Frage wäre also, stören sich die beiden oder fördern sie Nebenwirkungen, die bei der Gabe eines Medikamentes nicht auftreten würden. Beides ist aber nicht bekannt.
mono: Gibt es für die sekundär progrediente MS Medikamente in der Pipeline, die man statt Mitox nehmen könnte?
Prof. Horst Wiethölter: Hallo mono, bislang nicht sicher. Alle derzeit in Studien geprüften Medikamente sind für die schubförmig verlaufende oder sekundär chronisch progrediente MS gedacht. Es gibt Untersuchungen zu Medikamenten, die grundsätzlich regenerationsfördernd für das Gehirn sein sollen und insofern bei anderen Erkrankungen sinnvoll wären. Richtig in der pipeline sind diese Medikamente aber noch nicht.
Ronja: Hallo Herr Prof. Wiethölter, ich habe vor 14 Monaten die Diagnose MS erhalten und spritze seit 1 Jahr Betaferon. Ich habe in den letzten 2 Monaten Verhärtungen in der Haut vom Spritzen. Am Bauch ist eine richtige Beule, ca. 3cm Duchmesser. Was kann man dagegen tun?
Prof. Horst Wiethölter: Liebe Ronja, leider ist das Auftreten von Hautveränderungen nach der Spritze von Betaferon nicht ungewöhnlich. Verhindern kann man sie manchmal durch Kühlung der Haut sofort nach der Spritze. Hilfreich ist eine korrekte Lage der Nadel unter der Haut (aber nicht z.B. im Fett) und eine Desinfektion vor der Spritze, die vorher trocken werden sollte. Eine besondere Maßnahme bei bereits bestehenden Verhärtungen gibt es nicht. Sie könnten versuchen, die Haut über diesen Verhärtungen vorsichtig zu massieren. Die Empfindlichkeit ist nicht in jeder Hautregion gleich stark ausgeprägt, so dass Sie sich Regionen heraussuchen sollten, die weniger empfindlich sind.
Göddel Christa: Mitroxatron wurde abgelehnt weil es nicht wirklich zugelassen war, hätte das weiß ich noch "off label" von Krankenháus gegeben erden müssen,wurde aber wegen der Nebenwirkungen nicht empfohlen
Prof. Horst Wiethölter: Liebe Frau Göddel, es könnte tatsächlich sein, dass Mitoxantron bei Ihnen nicht zugelassen ist. Es gibt Zulassungsbeschränkungen, über die wir uns aber in der Regel bei vernünftiger Konstellation hinwegsetzen. Vielleicht sollten Sie mit dem Krankenhaus die Abwägung zwischen Wirkung und Nebenwirkung noch einmal offen diskutieren. Die Nebenwirkungen sind überschaubar und von seltenen schweren Nebenwirkungen abgesehen gut in den Griff zu bekommen.
Moderator Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, das war's schon wieder für heute. Ein ganz herzliches Danke an Herrn Prof. Wiethölter und an die Fee mit den flinken Fingern an seiner Seite! Danke natürlich auch für Ihre Fragen! Die noch offenen beantwortet Prof. Wiethölter noch. --- Am 16. März chatten wir weiter. Dann antwortet PD Dr. Stefan Schwarz zum Thema "Alternative Therapie bei MS". Gute Nacht!
Redaktion: AMSEL e.V., 02.03.2010