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"Barrierefrei Bauen und Wohnen", mit I. Hocher-Brendel, 20.08.02

Moderator Jutta Hirscher: Guten Abend und willkommen zu unserem heutigen Chat. Unsere Expertin, Frau Hocher-Brendel, beantwortet jetzt gerne Ihre Fragen.

Ilona Hocher-Brendel: Hallo Frau Hirscher, meines Erachtens sind die Architekten mit Erfahrung im Bau von Pflegeheimen auch die Experten für das Wohnen. Denn gerade der Pflegeheimbau orientiert sich immer mehr an der Gestaltung des privaten Wohnens. Für den allgemeinen Wohnungsbau ist barrierefreies Bauen immer noch ein innovatives Thema und es wird hier wenig Mund-zu Mund-Propaganda geben. Ansprechpartner sind hier z.B. die gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften der Kommunen oder www.architektenprofile.de der Architektenkammer Baden-Württembergs.

Moderator Jutta Hirscher: Und wie komme ich an die spezialisierten Architekten?

Ilona Hocher-Brendel: Grundsätzlich ist der Bauherr als Auftraggeber des Architekten der Ansprechpartner für Referenzen und Empfehlungen. Sprechen Sie daher einfach die Bauherren an, wenn Sie von einem bestimmten Projekt erfahren oder es selbst erleben. Der Bauherr wird Ihnen gerne Auskunft geben, zumal er sich sicherlich über Ihr Interesse an seinem Gebäude freuen wird. Sehen Sie sich dazu ruhig auch betreute Wohnanlagen, Pfle-geheime und Heime für behinderte Menschen an; denn die bautechnischen Inhalte zur Barrierefreiheit sind mit identisch und die bauliche Gestaltung orientiert sich zunehmend mehr am wohnlichen Umfeld. Erfreulicherweise bieten auch immer mehr Wohnungsunternehmen (vorwiegend die kommunalen und gemeinnützigen) barrierefrei errichtete Wohnungen in allgemeinen Wohnanlagen an. Daher sind auch die Woh-nungsunternehmen Ansprechpartner. Engagierte spezialisier-te Architekten finden Sie auch, indem Sie beispielsweise in die Fortbildungsangebote der Berufsverbände, Behinderten-selbsthilfeorganisationen, Volkhochschulen schauen. Auch in Fachzeitschriften und Fachbüchern werden Architekten im Zusammenhang mit ihren Projekten dargestellt. Nutzen Sie auch das Angebot für die Architektensuche der Architekten-kammer BaWü www.akbw.de oder www.architektenprofile.de. Empfehlungen seitens der Bera-tungsstellen oder Behörden können aufgrund ihrer Neutralität nicht zu erwarten sein. Vielleicht können diese Ihnen jedoch gelungene Gebäude sagen und den Bauherrenkontakt für wei-tere Referenzen vermitteln.

Moderator Jutta Hirscher: Frau Hocher-Brendel, gibt es Zahlen, wie viele barrierefreí bauen, ohne dass ein krankheitsbedingter Anlass gegeben ist?

Ilona Hocher-Brendel: Die gibt es leider nicht. Aufgrund meiner Beratungstätigkeit stelle ich aber fest, dass sich zunehmend mehr Leute für präventives Bauen entscheiden. Viele dieser Menschen kommen über die eigene Betroffenheit, die Pflege der Eltern oder aber auch aus Interesse an innovativer Technik zur barrierefreien Gestaltung. Schließlich ist die Kommunkationstechnologie und Informationstechnologie mit den flexiblen Möglichkeiten mit der wichtigste Bestandteil zur Unabhängigkeit.

Claudia: Ich muss einen Außenfahrstuhl installieren lassen. wo kann ich mich grundsätzlich informieren (Technik, Kosten etc)?

Ilona Hocher-Brendel: Hallo Claudia, der Infoweg hängt ab von Ihrer eigenen Kompetenz zum Thema Bauen und Wohnen. Grundsätzlich können Sie direkt Kontakt mit Herstellern oder Vertrieben aufnehmen, die Sie vor Ort sehr routiniert beraten werden. Kontakt finden Sie übers Internet, www.rehadat.de. Ich empfehle Ihnen, verschiedene Beratungen und Angebote einzuholen. Unterstützung finden Sie grundsätzlich auch bei den Wohnberatungsstellen in Baden-Württemberg, die Sie auf Ihrem Weg von der Beratung bis zur Abnahme des Lifts begleiten. Der Vorteil liegt in der neutralen und unabhängigen Beratung der Stellen. Grundsätzliche Beratung, jedoch ohne Hausbesuch, erhalten Sie auch durch meine Beratungsstelle beim Landeswohlfahrtsverband, sowie auch die Adresse einer örtlichen Wohnberatungsstelle. Bitte rufen Sie einfach an!

Peter P.: Ab wieviel Euro Rente monatlich lohnt es sich, für 2 Personen barrierefrei zu bauen?

Ilona Hocher-Brendel: Ich nehme hier bezug auf meine Antwort von vorhin: es lohnt sich immer und es profitieren grundsätzlich alle Nutzer je nach Bedarf. Für Menschen ohne Behinderung ist barrierefreies Bauen einfach Komfort und SIcherheit.

Kerstin: Wo kann ich mich allgemein über barrierefreies Bauen und Wohnen informieren?

Ilona Hocher-Brendel: Hier eine Reihe von Kontakten: z.B. Landeswohlfahrtsverband Tel. 0711-6375-285, 283. Die örtliche Wohnberatungsstelle in Ihrer Nähe (Liste der Stellen senden wir Ihnen gerne zu). Internet www.rehadat. de, www.kda.de. Dann stehen die Servicestellen für Reha in Baden-Württemberg für die Finanzierung im Falle der Reha zur verfügung (auch diese Liste senden wir Ihnen gerne zu). Falls Sie mit einem Architekten planen möchten, kann sich dieser über seinen Landesverband Architektenkammer BaWü beraten lassen. Auch Handwerksverbände nähern sich immer mehr dem Thema, so dass der Sachverstand durchaus auch bei den Beteiligten direkt abgefragt werden kann.

Moderator Jutta Hirscher: Gibt es jemandem bei unserem Chat, der bereits erste Erfahrungen mit dem Thema hat?.

Peter P.: Ab wieviel Euro monatlich lohnt es sich, barrierefrei zu bauen?

Ilona Hocher-Brendel: Barrierefreies Bauen ist eine flexible Bauweise, die sich den verschiedenen Lebensphasen anpassen lässt. Daher lohnt es sich zu jedem Zeitpunkt, barrierefrei zu bauen. Bitte rüsten Sie Barrierefreiheit präventiv vor, sollten Sie sie aktuell nicht benötigen. Der Leitfaden ist die DIN 18025 Teil 1.

Peter P.: Um wieviel Prozent ist barrierefreies Bauen teurer?

Ilona Hocher-Brendel: Man schätzt Mehrkosten für rollstuhlgerechtes Bauen auf bis zu 15-20% der Kosten gegenüber der herkömmlichen Bauweise. Eine wirtschaftliche Planung der Bewegungsflächen ist ein wesentliches Kriterium für die kostengünstige Planung auch bei Barrierefreiheit.

Sibylle: Welche Begünstigungen gibt es für behindertengerechtes Bauen? Gibt es steurliche Vorteile? Welche Voraussetzungen, so es welche gibt, müssten dafür gegeben sein?

Ilona Hocher-Brendel: Vergünstigungen gibt es für die Menschen, die betroffen sind. Kostenträger sind wie bereits genannt Rentenversicherungsträger, Integrationsamt LWV, Landeswohnungsbauprogramm usw. Für Menschen ohne Bedarf gibt es kaum Förderung, es sei denn, es handelt sich um Investoren der Wohnungswirtschaft mit der Errichtung von Betreuten Wohnungen usw. Das Finanzamt gibt eine steuerliche Entlastung, bitte Infobroschüre beim Finanzamt anfordern!

Peter P.: Wo kann man die möglichen Zuschüsse beantragen?

Ilona Hocher-Brendel: Bei den Kostenträgern, die für Ihren individuellen Bedarf in Frage kommen. Das kann der Rentenversicherungsträger, das Arbeitsamt, das Integrationsamt des LWV oder die Pflegekasse sein. Das Landeswohnungsbauprogramm bietet einige (einkommensabhängige) Möglichkeiten.

Claudia: Wie kann ich, ohne großen Aufwand zu betreiben, meine Küche behindertengerecht umbauen?

Ilona Hocher-Brendel: Ohne Ihre Küche zu kennen, stelle ich mir eine konventionelle Küchenlösung vor. Folgende Tipps: für die Schaffung von Beinfreiraum soll ein Unterschrank ausgebaut werden. Die verlorengegangene Staufläche kann mit Rollcontainern (vgl. Bürorollcontainer) ausgeglichen werden, die ggf. in den Beinfreiraum geschoben werden können. Deren Oberkante eignet sich gleichzeitig als flexible Arbeitsplatte. Die Absenkung der Arbeitsplatte können Sie erreichen, indem Sie z.B eine Küchenschublade ausbauen und einen versenkbaren Tisch auf Schienen und Rollen einbauen lassen. Sie gewinnen eine Arbeitsfläche und verlieren nur minimal Stauraum im Unterschrank. Die Oberschränke hängen Sie tiefer - aber hier wäre natürlich die motorische Verstellung vorteilhaft. Leider relativ kostenintensiv. Es gibt jedoch Schrankeinbauten als Lift. Elektrogeräte wie Backofen, Küchlschrank sollten Sie als ausziehbare Teleskopgeräte auswählen. Die Midistellung wäre am günstigsten.

Ilona Hocher-Brendel: Die Entscheidung für oder gegen einen Architekten hat meines Erachtens 1. etwas mit der Qualifikation der sonstigen Beteiligten zu tun und 2. natürlich auch etwas mit baurechtlichen Pflichten. Gerade beim Anbau eines Gebäudes mit einem Aufzug können Baulasten auf Nachbargrundstücken entstehen. Der Architekt ist hier der Fachmann für die baurechtlichen Gespräche, Vorstellungen schwieriger Projekte in Ausschüssen des Gemeinderats und auch für nachbarschaftliche Gespräche. Denn es geht zwar in erster Linie um die Erfüllung des Bedarfs, aber für die Umwelt ist die gestalterische Anpassung mindestens ebenso ein Thema. Technik und Gestaltung liegen eng beieinander. Auch Familienmitglieder haben oft noch weitere oder andere Wünsche. Ich möchte durchaus zur Zusammenarbeit mit erfahrenen Architekten motivieren!

Claudia: Ich bin zwischenzeitlich verrentet. Wer gibt Zuschusshilfen?

Ilona Hocher-Brendel: Ich möchte den Finanzierungsexperten nicht vorgreifen, aber bei vorliegender Pflegeeinstufung gibt z.B. die Pflegekasse einen Zuschuss von ca. 2500 Euro. Ansprechpartner ist die Pflegekasse oder Krankenkasse. Das Landeswohnungsbauprogramm könnte auch wirksam werden.

Moderator Jutta Hirscher: Reiner, sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis Ihres Umbaus?

Petra: Bis zu wieviel Euro übernehmen die jeweiligen Versicherungen das barrierefreie Wohnen?

Ilona Hocher-Brendel: Auch hier ist der Bedarf im Einzelfall maßgebend. Grundsätzlich soll DIN 18025Teil 1 umgesetzt werden, zuzüglich der behinderungsangepassten Erfordernis für den Einzelfall. Die Kosten und Finanzierung sind daher individuell.

Moderator Jutta Hirscher: Frau Hocher-Brendel, Ihnen vielen Dank für Ihre Tipps. Den Teilnehmern danke für Ihr Interesse und bis zum nächsten Chat am 3. September zur "Basistherapie bei MS".

Redaktion: AMSEL e.V., 26.08.2002