- 13.04.2010
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Synthetischer Cannabis bei überaktiver Blase?
PD Dr. med. Christian Gratzke erklärte gegenüber der AMSEL-Onlineredaktion, wie man auf die positive Nebenwirkung von Cannabispräparaten gestoßen ist. Derzeit handelt es sich freilich noch um Zukunftsmusik.
Die überaktive Blase (OAB) betrifft nicht nur MS-Patienten, sondern ist in der gesamten Bevölkerung weit verbreitet: Die eingesetzten Mittel wirken aber oft nur temportär. Daher ist die Urologie schon lange auf der Suche nach weiteren Mitteln. Privatdozent Dr. med. Christian Gratzke wurde fündig und zwar beim synthethischen Cannabis-Stoff "Cannabinor". Aufgefallen war die grundsätzliche Wirksamkeit als eine Art positive Nebenwirkung bei MS-Patienten, die aufgrund ihrer Schmerzen Cannabis-Präparate einnahmen, wie Gratzke gegenüber der AMSEL-Onlineredaktion sagte. Doch eins nach dem anderen:
Die überaktive Blase
Die "überaktive Blase" ("overactive Blader, OAB beschreibt eine funktionelle Störung der Harnblasenfunktion. Sie äußert sich in ständigem Harndrang und übermäßig häufigem Wasserlassen, zum Teil auch in Verbindung mit Inkontinenzepisoden. Die Häufigkeit der OAB beträgt bei Männern 11% und bei Frauen 13% und ist mit einer beträchtlichen Einschränkung der Lebensqualität, bis hin zur Depression, sowie hohen Kosten verbunden. Allein in Deutschland werden die jährlichen Ausgaben für die OAB auf knapp 4 Milliarden Euro geschätzt.
Symptomatisch werden antimuskarinerg wirksame Medikamente eingesetzt, also solche, die die glatte Muskulatur der Harnblase über so genannte Muskarin-Rezeptoren entspannen. Allerdings ist die Wirksamkeit dieser Substanzen gerade über einen längeren Zeitraum begrenzt, und mit gravierenden Nebenwirkungen wie z.B. Mundtrockenheit und zentralnervösen Störungen wie Verwirrungszuständen vergesellschaftet. Daher wird seit Jahren nach alternativen Substanzen in der medikamentösen Therapie der OAB gesucht.
Patienten mit multipler Sklerose zeigen häufig Symptome der OAB als Ausdruck einer neurogenen Blasenentleerungsstörung (neben anderen Blasenstörungen). Kürzlich wurde gezeigt, dass die Einnahme von Cannabis-Extrakten zu einer signifikanten Besserung der Inkontinenzepisoden und des häufigen Wasserlassens in dieser Patientengruppe führt. Der zugrundeliegende Mechanismus war jedoch nicht bekannt. Nun haben Forscher der Urologischen Klinik der LMU München in Kooperation mit einer schwedisch-amerikanischen Arbeitsgruppe erstmalig einen neuartigen synthetischen Cannabis-Stoff ("Cannabinor bei der Behandlung der OAB getestet.
Wie Cannabinor wirkt
"Cannabinor" wirkt selektiv auf eine bestimmte Untergruppe von Cannabinoid-Rezeptoren (CB2-Rezeptoren), die sich auf Nervenfasern in der Schleimhaut der Harnblase befinden. Diese Rezeptoren, die bei Ratte, Affe und Mensch gefunden wurden, vermitteln sowohl Informationen von der Harnblase zum Gehirn ("afferente Nerven sowie vom Gehirn zur Harnblase ("efferente Nerven (1). So zeigte sich im Tiermodell der Ratte - analog zu den Ergebnissen bei MS-Patienten - eine geringere Frequenz des Wasserlassens, sowie eine Erhöhung des Blasenvolumens nach Behandlung mit Cannabinor (2). Cannabinor wurde dabei auch unter pathologischen Bedingungen getestet, also eine OAB simuliert. Hierbei zeigte sich nach chronischer Cannabinor-Gabe im Vergleich zur Kontrollgruppe (Plazebo) eine Verbesserung der Harnspeicherstörungen und eine Reduktion der unwillkürlichen Harnblasenkontraktionen (3).
Die vorgelegten Ergebnisse müssen nun an weiteren Tiermodellen überprüft werden, bevor sie beim Menschen langfristig zum Einsatz kommen. Erste Studien mit Menschen schätzt PD Dr. Christian Grätzke auf frühestens in ein, zwei Jahren. Doch könnte die Verwendung von synthetischen Cannabis-Stoffen eine neuartige Therapieform in der Behandlung der überaktiven Blase beim Menschen darstellen.
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Literatur: |
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Quelle: Pressemitteilung des Klinikums der Universität München, 12.04.10 Redaktion: AMSEL e.V., 13.04.10 |
Letzte Änderung: 14.04.2010
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