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Gemeinsam gegen Multiple Sklerose – Neues aus Forschung und Klinik

18.10.2017 - Rund 300 Teilnehmer kamen zum AMSEL-Jubiläumssymposium: 2 Tage Symposium für MS-Erkrankte, 10 MS-Experten aus Deutschland und der Schweiz. Mit Fotostrecke.

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Neues aus Forschung und Klinik im Fokus des MS-Symposiums anlässlich 35 Jahre Schirmherrschaft Ursula Späth - 1. Tag

Mitte Oktober veranstaltete AMSEL e.V. anlässlich 35 Jahre Schirmherrschaft Ursula Späth ein zweitägiges hochinformatives Symposium über Multiple Sklerose. - Hier die 10 Vorträge zusammengefasst: 

Wie lässt sich die progrediente MS behandeln?

Den Auftakt machte Prof. Dr. med. Andrew Chan, der zur "Therapie der progredienten MS – Ocrelizumab, Siponimod und Biotin" sprach. Es sei ein Novum, so der Chefarzt an der Universitätsklinik für Neurologie in Bern, dass Wirkstoffe für die primär progrediente MS (PPMS) untersucht würden. Eine PPMS sei übrigens durch einen erfahrenen Neurologen anhand neurologisch fassbarer Verschlechterungen, die sich eindeutig von einem Schub abgrenzten, festzustellen, griff er als erstes die Furcht vieler, auch junger Patienten auf. Um dann auf gegenwärtige Therapiemöglichkeiten für die PPMS einzugehen. Die Wirksamkeit von Ocrelizumab und Siponimod sei jeweils moderat, Langzeiterfahrungen würden fehlen. Biotin habe erstaunliche Daten gezeigt und viele offene Fragen gebracht. Zusammengefasst seien alle drei Wirkstoffe ermutigende Schritte, die aber von Heilung weit entfernt seien.

Welche Rolle spielt der Darm?

"Mikrobiom – Ist das für die MS bedeutsam?" Dieser Fragestellung widmete sich Prof. Dr. med. Reinhard Hohlfeld. Eindeutige Antworten, so der Direktor des Instituts für Klinische Neuroimmunologie des Klinikums der Universität München, Campus Großhadern, gebe es nicht. Wohl aber viele interessante Details: dass die Microbiota Einfluss auf verschiedenste Körperfunktionen hat, dass der Darm eine Art Ausläufer des Immunsystems ist, dass es ein stetiges Wechselspiel zwischen den Darmbakterien und den Immunzellen jenseits der Darmwand gibt. Zwillingsstudien hätten subtile, aber keine signifikanten Unterschiede im Mikrobiom des gesunden und des MS erkrankten Zwilling gezeigt. Gleichwohl konnten erste Ergebnisse aus der Zwillingsstudie zeigen, dass die Microbiota von MS-erkrankten Zwillingen im Tiermodell eine MS-ähnliche Erkrankung auslösen kann. Inwieweit dies für die Therapie der MS Bedeutung habe, müssen weitere Studien zeigen.

Ist Remyelinisierung durch Stammzellen möglich?

Univ.-Prof. Dr. med. Orhan Aktas berichtete über Lichtblicke am Horizont bei "Remyelinisierung / Regeneration / anti-Lingo". Gehirn und Rückenmark hätten im Vergleich zu anderen Organen nur begrenzte Möglichkeiten zur Regeneration. Die aktuellen Therapien wirkten vor allem über das Immunsystem, das ZNS würde nur indirekt geschützt. Die Frage sei, ob bestehender Schaden des Myelins womöglich durch Stammzellen "repariert" werden und man adulte Stammzellen umprogrammieren kann, um sie vor Ort dazu zu bringen, das verletzte Gewebe zu reparieren? Bisher gelinge Remyelinisierung nicht 100 %, weil es unter anderem ein starkes Kontrollsystem des Körpers gebe, um zu starkes Wachstum des Gehirns zu unterbinden. Anti-Lingo 1 sei einer dieser Hemmpunkte, um Vorläuferzellen am Wachsen zu hindern und die Markscheide neu aufzubauen. Tierexperimente hätten gezeigt: Wird das Eiweißprotein durch Gabe von Antikörpern gehemmt, wird Remyelinisierung gefördert.

Immuntherapie – Spagat zwischen Wirksamkeit und Sicherheit

Um "Moderne MS-Therapien und deren Management" drehte es sich im Vortrag von Prof. Dr. med. Judith Haas. Die Chefärztin am Jüdischen Krankenhaus in Berlin beleuchtete Wirksamkeit und Sicherheit der aktuell verfügbaren MS-Therapien und wies darauf hin, dass Arzt und Patient oft unterschiedliche Entscheidungskriterien bei der Wahl einer Therapie ansetzen würden. Ihr Fazit: Ein gut informierter MS-Patient kann sich im Rahmen der zugelassenen Therapien für die Immuntherapie entscheiden, deren Nutzen er für sich ganz persönlich höher einschätzt als die Risiken. Der gut informierte Arzt steht ihm bei der Entscheidung zur Seite und berücksichtigt die Patientensicht.

MS – Mehr Selbstvertrauen durch Resilienz

Die Resilienz stand im Mittelpunkt von Professor Jürg Kesselrings Vortrag "Neurorehabilitation bei MS – angewandte Neuroplastizität". Als Resilienz bezeichnet man Kräfte, die der Schwerkraft entgegenwirken. Sie sei allen Lebewesen eigen. Um das zu verdeutlichen, wirft der Schweizer Rehabilitationsspezialist sein Stofftaschentuch auf die Erde. Es kann nicht von alleine wieder aufstehen, hat also keine Resilienz – was zu beweisen war. Weiter mit viel Charme und sehr anschaulich nennt der seit sechs Wochen berentete Neurologe vier Bereiche, in denen wir unsere eigene Resilienz (Widerstandsfähigkeit) stärken können. Im Allgemeinen widme sich die Wissenschaft hauptsächlich dem ersten Bereich, dem Körper, den wir mit Fitness, Ernährung und Erholung beispielsweise positiv beeinflussen können. Daneben spielt aber auch das Mentale eine große Rolle. So postuliert der Valenser seit Jahren, MS stehe nicht nur für Multiple Sklerose, MS stehe auch für Mehr Selbstvertrauen. Gedankenfallen zu erkennen und sie dann zu umgehen, das gehöre unter anderem zum Bereich des Mentalen.

Im emotionalen Bereich spielen Gelassenheit und positive Emotionen zu pflegen eine Rolle. Die vierte Ebene ist die spirituelle. Dies bedeutet nicht, dass er oder andere Rehabilitationsfachkräfte beten müssten, es bedeute jedoch sehr wohl, zu wissen, dass jeder Patient und jede Patientin in dem Bereich auch Fragen hat. Fragen zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens.

Was ist in der Therapie-Pipeline?

Professor Dr. med. Ralf Gold widmete sich im Schlussvortrag des ersten Tages harten Fakten. Er berichtete über "Zukünftige Therapiemöglichkeiten – was ist in der Pipeline?" und begann mit der Ankündigung, dass die McDonald-Kriterien aktualisiert würden. Anschließend widmete er sich Bortezomib, einem Arzneistoff, der den Immunzelltod durch eine Stoffwechselblockade herbeiführt. Im Unterschied etwa zu Ocrelizumab, einem Wirkstoff der nur auf Zellen geht, die Rezeptoren besitzen. Außerdem berichtete er über Anti-CD20-Therapien (Rituximab, Ofatumumab, Ocrelizumab). Anhand eines Schaubildes zeigte er, welche Vorteile Weiterentwicklungen von Rituximab haben können und warum: Sie enthalten "weniger Maus" und verursachen daher weniger Allergien. Außerdem wies er darauf hin, dass es an der Universität Bochum gelungen sei, die Rituximab-Dosis zu reduzieren. In Schweden erhalte bereits jeder Zehnte MS-Patient diesen Wirkstoff.

Professor Gold widmete sich außerdem der Ernährung und der Umwelt. Er hob hervor, dass TH 17-und TH 1-Zellen aggressiver würden durch langkettige Fettsäuren. Diese sind zum Beispiel in Fettmachern wie Schokolade, Eis und Hamburgern enthalten. Propionate, Salze der Propionsäure, einer kurzkettigen Fettsäure, hingegen förderten regulatorische T-Zellen (sogenannte Tregs), die verhindern helfen, dass andere Zellen sich gegen den eigenen Körper richten. Eine kleine Studie in Bochum, an der Gold auch im Selbstversuch teilnahm zeigte, dass 500 mg Propionat täglich – so viel Propionat enthielten früher 3 Scheiben Brot – TH 17-Zellen reduzieren können, ebenso CD 4+-Zellen. Zudem würden Tregs erhöht. Eine Darmanalyse zeigte außerdem, dass die ansonsten bei schubförmigen MS-Patienten reduzierten Bakterienstämme im Darm sich unter Propionat fast normalisiert hätten. Der MS-Forscher könnte sich vorstellen, dass man Propionat als Add-On zu einer bestehenden Therapie einsetzen könne; nicht jedoch zusammen mit Daclizumab, denn das wirke auf die Tregs. Er warnte jedoch davor, Propionat in nur technischer Reinheit einzunehmen. Pharmazeutische Reinheit sei wichtig. Außerdem solle man Propionat nicht nüchtern einnehmen.

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Neues aus Forschung und Klinik im Fokus des MS-Symposiums anlässlich 35 Jahre Schirmherrschaft Ursula Späth - 2. Tag

Ataxie bis Spastik

Prof. Dr. med. Thomas Henze aus Regensburg referierte in seinem Vortrag "Symptomatische Therapie der MS" über die medikamentösen und nicht-medikamentösen Möglichkeiten zur Behandlung von MS-Symptomen. Vielfach blieben Spastik, Fatigue, Blasenstörungen, Ataxie und kognitive Störungen unbehandelt, obwohl es Therapiemöglichkeiten gebe. Gerade nicht-medikamentöse Therapiemöglichkeiten seien zur Beeinflussung dieser Symptome vorhanden.

Achtsamkeit –einfach, aber nicht leicht

"Ist Achtsamkeit erlernbar?" Dipl.-Psych. Heike Meißners Antwort ist ein klares Ja. Das Prinzip der Achtsamkeit, sich also gedanklich vollkommen der gegenwärtigen Situation bewusst zu werden, ohne diese zu bewerten oder emotional darauf zu reagieren, sei nach der leitenden Psychotherapeutin im Quellenhof in Bad Wildbad einfach, aber nicht leicht umzusetzen. Die Diplom-Psychologin stellte den achtseimkeitsbasierten Ansatz Mindfulness-based Stress Reduction (MBSR) zur Stressreduktion vor, beschrieb wer davon profitieren könne und nannte viele Alltagssituationen, in der Achtsamkeit geübt werden könne, z.B. beim Essen:

  1. Schalten Sei alle Ablenkungen aus (Radio, Handy, Fernseher…)
  2. Atmen Sie drei Minuten bewusst, bevor Sie beginnen.
  3. Wenden Sie sich bewusst Ihrem Essen zu (Geruch, Farben) und seien Sie dankbar dafür, dass Sie genug davon haben.
  4. Beobachten Sie Ihren Körper (Empfindungen, Gedanken…).
  5. Nehmen Sie bewusst einen Bissen in den Mund und achten Sie auf den Geschmack, die Konsistenz…
  6. Wenn Sie satt sind, aber weiter essen wollen, atmen Sie wieder drei Minuten bewusst und denken Sie daran, dass das nur ein Gedanke ist, dem Sie nicht folgen müssen.

Welchen Einfluss hat die Ernährung ?

Ernährung und Darmflora als Risikofaktoren für die Entwicklung einer MS waren Thema von Prof. Dr. med. Ralf Linker, der sehr anschaulich auf die Frage einging "Ist der Mensch, was er isst?" Entscheidend, so der Neuroimmunologe aus Erlangen, sei nicht, was wir essen, sondern wie viel wir essen. Salz und Fett gehörten dabei zu den Dingen, von denen wir zu viel zu uns nehmen würden. Mit den bekannten Folgen für die Figur, aber vor allem auch für unsere Gesundheit. Denn die Ernährung verändert Bakterien im Darm (Mikrobiom), die wiederum wichtige Stoffwechselprodukte beeinflussen und sich auf das Immunsystem auswirken.

Der geschäftsführende Oberarzt sowie Leiter des Bereichs Neuroimmunologie und des Neurologischen Forschungslabors der Neurologischen Klinik der Universitätsklinik Erlangen gab Einblicke in seine Forschung zur Frage, wie sich salzreiche Kost auf den Darm auswirke und wie diese Erkenntnisse mögliche Therapieansätze bilden können. Linker machte aber noch einmal deutlich, dass es, auch wenn es Hinweise darauf gibt, dass die Ernährung im weiteren Sinne Einfluss auf das Immunsystem habe, keine bewiesene wirksame MS-Diät gebe. Er warnte davor, sich einseitig zu ernähren. Stattdessen vollwertig und vielseitig, und auch mal bewusst weniger. Er ermutigte, sich dessen bewusst zu werden, was im Essen alles drin stecke und vieles selbst zuzubereiten. "Eine Pizza, die Sie kaufen, enthält ca. 1,5 g Salz. Mit einer selbstgebackenen Pizza können Sie auf 90% des Salzes verzichten."

Sport und MS – auf jeden Fall

Welchen Einfluss haben Bewegung und Sport bei MS? Auf das Risiko an MS zu erkranken bezogen, so Prof. Dr. med. Mathias Mäurer in seinem Abschlussvortrag, wahrscheinlich eher keinen. Auf den Verlauf einer bestehenden MS-Erkrankung hingegen, sehr wohl. Der Chefarzt der Klinik für Neurologie am Stiftung Juliusspital Würzburg verwies auf eine Vielzahl von Studien, in denen die positiven Effekte körperlicher Aktivität auf MS belegt wurden. So konnten deutliche Verbesserungen auf Mobilität, Gefähigkeit, Psyche, Kognition, Fatigue und Lebensqualität erzielt werden. Sehr plastisch zeigte der Sportexperte die Zahlen am Beispiel der Mobilität. Wer körperlich trainiert, kann auf 10m 1,76 Sekunden schneller werden, bei einem 2-min-Walk 13 Meter mehr schaffen, bei einem 6-min-Walk 36 Meter. Bei einer Straßenverkehrsampel oder einen Zebrastreifen können genau solche Parameter entscheidend sein, führte der Würzburger bildlich vor Augen.

Doch neben der Tatsache, dass Sport positive Effekte auf die Erkrankung selbst habe, sei sportliche Aktivität vor allem auch zur Vorbeugung sekundärer Komplikationen wie Übergewicht oder Herzkreislauferkrankungen äußerst wichtig. "Sport sollte", schloss der Würzburger Chefarzt, "ein fester Bestandteil der Therapie chronisch neurologischer Erkrankungen sein und langfristig im Alltag integriert werden."

Für die finanzielle Unterstützung bei der Durchführung des Symposiums dankt AMSEL den Unternehmen Almirall, Biogen, Coloplast, Genzyme, MedDay Pharmaceuticals, Merck, Novartis, Roche und Teva.

Redaktion: AMSEL e.V.

 

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