Symptome bei MS

MS und Depression:

19.04.2002 - Nichts zu fühlen – keine Freude keine Tränen „Es ist schwierig Worte zu finden für das, was ich empfinde. Es ist vor allem diese Leere in mir. Nichts zu fühlen, keine Freude, keine Tränen. Ich weiß nicht, was diese Wand, die mich umgibt, durchbrechen könnte. Meine Gedanken kreisen immer nur um mich, dass ich nichts kann, nichts wert bin. Ich habe Schuldgefühle, weil ich anderen zur Last falle mit meiner Art. Bei jedem Schub überlege ich mir, was ich wieder falsch gemacht habe.“

Das sind Aussagen einer jungen MS-betroffenen Frau, die unter Depression leidet. Solche oder ähnliche Erfahrungen machen relativ viele MS-Betroffene. Depression ist eines der häufigsten Symptome bei MS. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen, so schätzt man aufgrund verschiedener Studien, wird im Laufe des Lebens eine Depression diagnostiziert.

Depressionen gehören aber auch zu den häufigsten Krankheiten überhaupt. Nach den Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation ist die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken, etwa 20 bis 30%, d.h., jeder Dritte von uns macht wahrscheinlich in seinem Leben irgendwann eine schwere Depression durch. Leichte, vorübergehende depressive Verstimmungen bleiben wohl kaum einem Menschen erspart.

Was ist Depression?

Nicht jede traurige Stimmung ist eine Depression. Traurigkeit ist eine natürliche Reaktion auf einen schlimmen Verlust oder eine leidvolle Lebenserfahrung. Trauer, Niedergeschlagenheit und depressive Verstimmungen sind normale Reaktionen gerade auch auf eine Krankheit wie MS, die immer wieder neu mit körperlichen Beeinträchtigungen einhergehen kann oder Betroffene zwingt, Lebenspläne aufzugeben. Heute ist der Begriff «Depression» schon fast ein normales Alltagswort geworden. Brechen Betroffene beispielsweise bei der Diagnose eines neuen Schubes in Tränen aus, wird schnell einmal die Vermutung ausgesprochen, sie wären depressiv.
Depression ist jedoch etwas anderes, als eine vorübergehende Niedergeschlagenheit oder Trauer über einen Verlust oder eine schwierige Lebenssituation.
Der klinische Begriff der Depression bezieht sich auf eine genau definierte Konstellation von Symptomen, die das Verhalten und die Leistungsfähigkeit eines Menschen ganz wesentlich beeinträchtigen und über längere Zeit anhalten. Es gibt unterschiedliche Formen und Schweregrade der Depression. Ein Hauptsymptom ist die gedrückte Stimmung. Ein depressiver Mensch fühlt sich niedergeschlagen, hoffnungslos und wertlos. Er entwickelt pessimistische Zukunftsperspektiven und Zukunftsangst, die bis hin zu Suizidgedanken und -handlungen führen können. Ein weiteres zentrales Symptom ist die Antriebslosigkeit. Ein depressiver Mensch ist schnell erschöpft, hat kaum Reserven, fühlt sich energielos und kann die Dinge, die er normalerweise ohne Probleme oder mit Genuss erledigen kann, nicht mehr bewältigen. Er zieht sich oft zurück, verliert das Interesse an anderen Menschen. Die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen können abnehmen, Entscheidungen fallen schwerer. Auf der körperlichen Ebene ist die Depression häufig begleitet von Appetitverlust, Müdigkeit, Schlafstörungen, Verminderung des Sexualtriebes, Gewichtsab- oder -zunahme und körperlichen Schmerzen.

Meistens ist es nicht möglich, diesen Zustand ohne Behandlung zu überwinden. Gut zureden, ablenken, unter Druck setzen, Dinge, die üblicherweise trösten - all das hilft einem depressiven Menschen nicht weiter.
Es ist nicht einfach, eine Depression bei MS-Betroffenen zu diagnostizieren. Einige Symptome, die zu Depressionen gehören, sind auch typisch für MS.
Dazu gehören beispielsweise die starke Ermüdbarkeit, Schwierigkeiten bei der Handlungsplanung, Entscheidungsfindung und Konzentrationsfähigkeit oder körperliche Beschwerden. Depression gehört, wie jede andere Krankheit auch, behandelt.

Was sind die Ursachen der Depression bei MS?

Wie depressive Symptome entstehen ist noch unklar, es gibt aber Vermutungen über Zusammenhänge.
Die Depressionsrate ist unter MS-Betroffenen deutlich höher als unter Patienten mit anderen neurologischen bzw. chronischen Erkrankungen. Somit kann man eine Depression bei MS nicht einfach ausschließlich als psychische Störung in Reaktion auf die Erkrankung bezeichnen. Hinzu kommt, dass Depressionen bei MS-Betroffenen mit zerebraler Beteiligung (Entzündungen im Gehirn) häufiger anzutreffen sind, als bei Betroffenen mit rein spinaler Erkrankungsform (Entzündungen im Rückenmark). Dies lässt auf die Beteiligung hirnorganischer Faktoren bei der Entstehung einer Depression bei MS schließen.
Als weitere Ursachen von Depressionen bei MS werden hormonelle Störungen und eine beeinträchtigte Regelung des Immunsystems diskutiert. Noch offen ist, inwieweit bestimmte Medikamente wie beispielsweise Interferone stimmungsverändernde Eigenschaften aufweisen.
In einer Verlaufsstudie konnte gezeigt werden, dass MS-Betroffene signifikant depressiver werden, wenn die Erkrankung fortschreitet und in eine chronisch-progrediente Verlaufsform übergeht. Dabei scheint das Auftreten und die Intensität von depressiven Symptomen aber stark davon abhängig zu sein, wie viel subjektiven Stress die Betroffenen erleben und wie viel soziale Unterstützung sie erfahren. Ein wichtiger Faktor in der Entstehung einer Depression ist sicherlich auch das Gefühl von Hilflosigkeit angesichts des unvorhersagbaren Verlaufs der Erkrankung. Inwieweit ein Zusammenhang zwischen Depression und dem Auftreten von Schüben besteht ist noch unklar.

Was tun?

Depression ist eine Erkrankung, die viele Aspekte der Persönlichkeit beeinträchtigen kann - die Befindlichkeit, das Denken, die Einstellung zu anderen Menschen, aber auch die körperliche Leistungs- und Genussfähigkeit. Depressionen haben immer auch große Auswirkungen auf das soziale Umfeld, auf die Beziehung zum Partner oder zu den Kindern. Depression ist auch einer der häufigsten Gründe für Suizid. Wer unter einer Depression leidet, lehnt häufig Hilfe und Unterstützung ab, sei es von der Familie oder von Fachpersonen. Oft wird die Bitte um Unterstützung nur indirekt geäußert, so dass es anderen schwer fällt, zu verstehen, was das Gegenüber wirklich braucht. Es ist wichtig, das Befinden so zu akzeptieren, wie ein depressiver Mensch es schildert. Wenn man ihn davon überzeugen möchte, dass es ihm doch eigentlich viel besser geht, als er sagt, verliert man nur sein Vertrauen.

Grundsätzlich helfen Psychotherapie und spezielle Medikamente. Als wichtige Voraussetzung gilt in jeder psychotherapeutischen oder ärztlichen Behandlung, dass Vertrauen zum Therapeuten bzw. zur Therapeutin besteht. Eine Psychotherapie ist bei leichten bis mittleren Formen der Depression ebenso wirksam wie eine medikamentöse Behandlung. Bei schwereren Formen wird sie begleitend zu Antidepressiva eingesetzt. Häufig macht es Sinn, beide Behandlungsansätze zu kombinieren.
Immer häufiger wird zur Behandlung leichterer Formen der Depression Johanniskraut eingesetzt. In verschiedenen Studien erwies sich diese Substanz als wesentlich effektiver als eine Placebobehandlung.
Antidepressiva müssen im Allgemeinen während mehrerer Monate täglich genommen werden, auch wenn keine Symptome da sind. Es kann mehrere Wochen dauern, bis eine erste Besserung eintritt. Es ist wichtig, das Medikament nicht einfach selbst abzusetzen, wenn vermeintlich keine Wirkung eintritt oder Nebenwirkungen auftreten, sondern Rücksprache mit dem Arzt zu nehmen. Neuere Antidepressiva, so genannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), wirken gleich stark wie die älteren, haben jedoch weniger Nebenwirkungen. Sie machen nicht süchtig und senken auch nicht das Reaktionsvermögen, so dass sie auch über längere Zeit hinweg und in einer höheren Dosis eingenommen werden können. Eine der häufigsten Nebenwirkungen der SSRI ist jedoch nachlassende sexuelle Lust.
Es ist normal, mit MS Phasen zu erleben, in denen man sich deprimiert oder traurig erlebt oder sogar eine Depression entwickelt, die die Lebensqualität zusätzlich massiv einschränken kann. Umso wichtiger ist es, die Symptome zusammen mit einer Fachperson einzuordnen, nach Ursachen zu suchen und sie angemessen zu behandeln.

Dipl. Psych. Andrea Plohmann
Fachpsychologin fur Neuropsychologie

Dr. Regine Strittmatter
Leiterin psychologischer Dienst der Schweizerischen MS-Gesellschaft

Mit freundlicher Genehmigung der schweizerischen MS-Gesellschaft.

Letzte Änderung: 26.11.2012

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