AMSEL - Aktion Multiple Skleroser Erkrankter - Landesverband der DMSG (AMSEL, Landesverband e.V.)

mal2

mal2

Suche im Blog


Inhaltsbereich

wiedereinführung

21.10.2008, 16:58, Kommentare (7)

Vor langer Zeit bin ich über diese Seite gestoßen, habe ein Blog erstellt und nach drei Beträgen festgestellt, dass das nichts für mich ist.

Ich bin mir immernoch unsicher, ob das etwas für mich ist, über meine Eltern zu schreiben, die beide an MS erkrankt sind, aber ich erinnere mich an den Zuspruch und die netten Kommentare und momentan stecke ich in einer Sackgasse. die Zeit in dieser Sackgasse kann ich damit verbringen weiter gedankenlos in den Tag hineinzuleben, oder eben mit Stil zu verdrängen. denn wenn ich etwas kann, dann Dinge vergessen.

Ich erinnere mich zum Beispiel nicht mehr daran, wie meine Eltern mir und meinem Bruder die Diagnose unterbreiteten. Ich erinnere mich an den ersten Schub meiner Mutter, habe den meines Vaters vergessen. Ich erinnere mich nicht daran, wann ich das letzte Mal nachgefragt habe, was es für neue Behinderungen gibt, muss ich aber auch nicht, denn die werden mir brühwarm erzählt, sollte ich die Gnade besitzen ans Telefon zu gehen. Ich vergesse nämlich auch sehr gerne anzurufen.

Das Verdrängen habe ich zu einer Kunstform erhoben, denn auch wenn ich gerade gestern mit meinem Vater telefoniert und erfahren habe, was jetzt alles kaputt ist, sitze ich hier und versuche mich daran zu erinnern.

Vielleicht hilft loses Zusammenwürfeln:
Die Krankenkasse weigert sich (mal wieder) notwendige Kosten zu übernehmen.
Mutter bekommt jetzt auch noch einen Rollstuhl.
"Wenn ich einen Meter vor dem Fernseher sitze, kann ich noch erahnen was da vor sich geht!"
Seine Simme versagt immer öfter, "wird aber wieder besser, nach einer Weile. Hörst du? Hörst du? Ist gut, nech?"

Nix ist gut. Ein Scheiß ist gut. Früher habt ihr noch so getan, als würde alles wieder gut werden und wir haben euch nicht geglaubt. Heute sehen wir, wie ihr vor unseren Augen zerfallt und dabei noch breit grinst. Aber wenn jeder für sich alleine ist, gebt ihr eure Sorgen zu. Dann seid ihr bereit, zumindest ein Auge zu öffnen und der Realität ins Gesicht zu blicken: Auf den Händen laufen werdet ihr nicht mehr.

Das sind doch keine Vorwürfe.
Verbitterung? Das ist eine andere Geschichte. Bei Mutter aber ausgeprägter, als bei Bruder und mir. Naja, sagen wir nur "mir". Bruder hatte so etwas wie einen Zusammenbruch, ausgerechnet an dem Tag meiner Hochzeit. Die Überforderung stand ihm ins Gesicht geschrieben und sprang mich nach der standesamtlichen Trauung an. Wie ein wütendes Frettchen verbiss sie sich, bis alles raus war und dann war die Schranke geschlossen, die Fronten geklärt. Bruder nimmt alles viel zu persönlich. Ihm fehlt der Abstand, den ich mir vor sechs Jahren gegönnt habe.

Ich bin zu meiner Freundin gezogen, 130km von den Eltern entfernt, was weit genug weg ist, um nicht jedes Wochenende nachhause zu fahren und mit MS konfrontiert zu werden, aber immernoch nah genug dran, um sich nicht anhören zu müssen, dass man ja mal kurz rüber fahren könnte, um den Rasen zu mähen. Was ich in sechs Jahren tatsächlich zweimal getan habe.

Ist deswegen Verbitterungs kleine Schwester gerade zu Besuch und erinnert mich daran, dass die einzige Person, mit der ich darüber reden kann, meine Frau ist? Und sie hat momentan ihre eigenen Probleme. Sie hat schon genug unter Eltern zu leiden gehabt, da muss Verbitterung nicht auch noch zuschlagen.

Kein schlechter Anfang, für dieses Blog. Gleich mal ein bisschen schlechte Laune abgeladen und sich schon innerlich die Hände reiben, was man in den nächsten Beiträgen rausrotzen kann.

Sein Röcheln geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Er war doch Schwimmer. Hatte den Lungenvolumen eines ausgewachsenen Brontosaurus, das Kreuz von Rocky und Arme so stark, das sie Bruder und mich gleichzeitig halten konnten.

  • Vorheriger
  • Bookmark:
  • Nächster

Kommentare (7)


23.10.2008, 10:03, edss

Aus der Distanz kannst du in Gelassenheit gut ein wenig zur Freude deiner Eltern beitragen. Ein netter Ausflug ist für sie möglicherweise wichtiger als das wöchentliche Rasenmähen durch die Söhne.


22.10.2008, 20:24, Sunni

Schreibe weiter - so oft Du willst, wieviel Du willst und vor allen Dingen worüber Du willst. Hier gibt es keinen Ticker á la "ach jetzt gehts wieder schlecht und schon wird sich ausgeheult, dafür sind wir gut genug". So ein Scheiß - raus damit, Gutes wie Schlechtes. Wenn es Dir damit nur ein kleines Stückchen besser geht, ist schon viel gewonnen!


22.10.2008, 09:44, alle achtung

du bist ehrlich zu dir selbst. zynismus heißt nicht automatisch verbitterung. er ist eine stilfigur, die dir hilft, dinge zu überwinden, die ungefiltert noch härter klängen. dein blog hier: in der tat kein schlechter anfang. ohne nun diese düstere stimmung durch allzu viel optimismus verwässern zu wollen: ich glaube, du hast eine chance, das zu verarbeiten.

Alle Kommentare zeigen


Kommentar schreiben:
Name:

E-Mail: (Freiwillig)
Die Abfrage des folgenden Codes dient der Spambekämpfung. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Geben Sie bitte das Ergebnis der blauen Rechenaufgabe ein.

   Den Code Vorlesen lassen (mp3)

Ergebnis:


Navigation Inhaltsboxen

Über mich

mal2

Mehr über mich

Eine W3 WERK Produktion © AMSEL e.V. 2019. Alle Rechte vorbehalten Impressum