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Wenn Eine eine Reise tut

27.11.2018, 15:12, Kommentare (3)

Das Reisen an sich ist eine prima Sache. Es erweitert den Horizont, es bringt neue Perspektiven. Man isst neue, leckere Dinge, sieht mehr von der Welt und bildet sich. Schon Oscar Wilde erkannte: „Reisen veredelt den Geist und räumt mit unseren Vorurteilen auf.“ Reisen kann jedoch auch unsagbar anstrengend werden, vor Allem wenn Geplantes anders verläuft als geplant oder Dinge schlichtweg schief gehen. Und wie sagt Murphys Law? Wenn irgendetwas in der Planung, und scheint es auch noch so klein und unbedeutend, in irgendeiner Form schiefgehen kann, dann wird es dies. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann sicherlich!

Am Bodensee wohnend, bietet es sich für mich an, nach Italien zu reisen weil es nicht weit weg ist. Zwischen mir und dem Land, wo die Zitronen blüh’n, liegen lediglich ein paar Alpen und ein unwesentlich breiter Streifen Schweiz, dann ist man schon da und kann sich gemütlich einen Vino Rosso und eine Pizza Contadina bestellen, während man den Blick auf eine bunte Piazza genießt. Durch die heutigen Transportmöglichkeiten, hat man in der Regel schnell und ohne größere Schwierigkeiten sein Ziel erreicht. Da hatte Hannibal es schon bedeutend schwerer. Und so kann man dann auch mal ein verlängertes Wochenende Dolce Vita einplanen, Man ist ja so schnell dort. Eigentlich.

Dort war ich wirklich schnell und verbrachte vier wundervolle und leckere Tage mit sehr lieben Freunden am Lago Maggiore, die ich (bedingt durch des Lebens wilde Wirrungen) schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Aber das dicke Ende kam am Ende, denn was mit dem Fernbus einer hier nicht namentlich genannten Billiggesellschaft auf der Hinreise relativ gut lief, sollte auf der Rückreise ein Fiasko werden. Etymologisch stammt dieses Wort aus Italien – und was ich erlebte, war in der Tat sehr italienisch!

Kaum hatte mein quietschgrüner Bus mit ebenso quietschgrünem Fahrer russischer Herkunft, der mich irgendwie an einen dicken Frosch erinnerte, den Busbahnhof Milano-Lampugnano verlassen, da geschah es – der Bus vollbrachte hupend eine Vollbremsung und kam dann mitten auf der Stadtautobahn zum Stillstand: ein Fiat hatte den Bus beim Überholen geschnitten, war dann aber zu früh und zu langsam eingeschert, so dass der Bus stark bremsen musste. Der Fiat blieb, vermutlich vor Schreck, ebenfalls stehen und alle Fahrer stiegen aus… Alle Fahrer? Nein! Eine weitere Person, die ausstieg, war der Italiener, der im Bus, von mir bis dato unbemerkt (weil er so klein war) vor mir gesessen hatte und sich spontan berufen fühlte, bei der Sache mitzumachen. Zumal der Mann offenbar Raucher war, konnte er dann auch gleich die Gelegenheit ergreifen, seiner Nikotinsucht nachzugeben. So stand er dann mit dem Busfahrer und dem Fiatfahrer rauchend auf der Autobahn herum und quatschte ungefragt auf die Beiden ein. Für Italien ungewöhnlich schnell war dann auch die Polizei da. Es hatten auch sofort zwei Personen, nämlich Busfahrer und Fiatfahrer, bei der Polizei angerufen. Ergo kamen alsgleich zwei Einsatzwagen mit insgesamt vier Polizisten und lautem Lalüülalüü (und sehr schick mit roten Streifen an ihren hautengen Leggins) aus unterschiedlichen Richtungen angerast und wunderten sich darüber, dass sie offenbar geklont am Tatort anwesend waren. Dass die Gesetzeshüter doppelt so viele waren, wie geplant, bedeutete leider nicht, dass es doppelt so schnell ging… eher im Gegenteil.

Lange Rede – kurzer Sinn. Nach nur einer Stunde waren die Bremsspuren vermessen und die Polizia beschloss, dass Bus und Fiat auf der Autobahn im Weg waren. So wurden wir dann (vor uns ein Polizeifahrzeug und hinter uns auch) von der Autobahn zu einer kleinen Seitenstraße eskortiert, wo das Schauspiel seinen Lauf nahm. Schnell stellte sich heraus, dass der russische Busfahrer kein Italienisch, die italienischen Polizisten kein Russisch und alle kein Englisch konnten. Erschwerend kam hinzu, dass der Fahrer des Fiat Slowake war. Der konnte zwar Deutsch, aber das verstand auch niemand. Zum Glück war eine Mitreisende Slowakin und so stieg diese in Begleitung ihrer Freundin aus dem Bus aus und begann mit dem Fiatfahrer zu reden. Die Beiden verstanden sich prima und begannen schnell zu lachen und zu scherzen, während die Frau des Fiatfahrers mit einem der Polizisten rauchte. Alsbald stand eine Traube von Menschen um den Bus, da auch andere Fahrgäste den Bus verlassen hatten um zu rauchen und natürlich um bessere Sicht auf die Komödie zu haben.

Problematisch war, dass die Polizisten wohl irgendein Buspapier sehen wollten, dass der Busfahrer aber beim besten Willen nicht auftreiben konnte, vermutlich weil er nicht verstand, nach was genau gesucht wurde. Mehrfach durchwühlte er sämtliche Ablagefächer nahe der Fahrerkabine und die Polizisten taten dies ihm nach, fanden aber nichts. Dann fuhren sie weg und ließen die Gesellschaft allein mit dem ungelösten Problem. Für sie war das Problem offenbar gelöst – sie waren ja fort! Unzufrieden mit dem trotz allem immer noch vorhandenen Dilemma, wurde sogleich wieder telefoniert und es kam ein neues Polizeiauto mit neuen Polizisten, denen nun noch einmal alles neu und von vorne und von sämtlichen Anwesenden erklärt werden musste. Auch unser „Räuchermännchen“ war natürlich immer ganz dicht mit von der Partie, sprang aufgeregt und mit aufgerissenen Augen, wild gestikulierend von einem zum anderen und verkomplizierte die Lage. Wieder wurden Ablagefächer und Ordner durchwühlt und einer der Polizisten durchschritt sogar einmal von vorn nach hinten und dann von hinten nach vorne gemessenen Schrittes den ganzen Bus, mit Argusaugen nach dem gesuchten Dokument spähend (vielleicht aber auch nur, damit jeder einmal in Ruhe seinen Knackarsch in der Streifenhose bewundern konnte – rrrrrrr). Trotz aller Müh wurde jedoch auch diesmal das Dokument nicht gefunden und die Polizisten fuhren auch diesmal wieder mit Getöse davon…

Seinen schillernden Höhepunkt erreichte das Event als nunmehr zur Streitschlichtung zum dritten / vierten Mal in unserer Sache die Polizei gerufen wurde und ein Streifenwagen ankam, dem zwei Polizistinnen entstiegen. Dieser Auftritt weiblicher Exekutivorgane nämlich hatte zur Folge, dass nunmehr sämtliche Fahrgäste männlichen Geschlechts den Bus verließen um mit draußen herumzulungern, ihre Meinung laut tönend oder fuchtelnd zum Ausdruck zu bringen und (Testosteron ausdünstend) nah bei den Gesetzeshüterinnen zu stehen. Auch Rumpelstilzchen (der Räuchermann) war begeistert und lief förmlich zur Hochform auf, indem er auch noch unbeteiligte Passanten ansprach, die sich alsbald zur Horde hinzugesellten und eifrig mitmischten. Der grüne Busfahrfrosch stand traurig am Rande des Szenarios und sah aus als würde er gleich heulen. Er verstand ja nichts. Ich wäre am liebsten aus dem Bus gestiegen um ihn zu trösten.

Zur Krönung und als letztes kam ein Straßenhund des Weges und umrundete einmal die Menschentraube. Als er sah, dass es nichts für ihn zu fressen gab, pisste er gegen das Polizeiauto und verließ die Szene wieder.

Von der Trattoria auf der anderen Straßenseite wurde Pizza geholt und kalte Getränke und es verging der halbe Nachmittag ohne Lösung. Bis… ja, bis eine Polizistin den Bus betrat, das Handschuhfach neben dem Lenkrad öffnete und das gesuchte Papier zutage brachte, woraufhin alle zur Unfallaufnahme notwendigen Formulare vollständig ausgefüllt wurden und der Bus seine Fahrt wieder aufnehmen konnte. D.h. etwas dauerte es noch, denn die Darsteller mussten sich noch umständlich voneinander verabschieden, Fotos schießen, Nummern tauschen und Pizza aufessen. Und dann ging es endlich weiter…

Abschließend bleibt noch zu berichten, dass sich das mit meiner Mitfahrgelegenheit natürlich leider erledigt hatte und ich von Glück sagen konnte, noch den letzten Zug, der an diesem Tag in meine (Klein)Stadt fuhr, zu erwischen. Leider konnte mich niemand vom Bahnhof abholen, also rief ich den Taxiservice an. Ich hätte etwa eine Stunde später ein Taxi bekommen können, verzichtete darauf jedoch freiwillig. Was sind denn schon 3km Fußmarsch mit Koffer, pah! Meine Füße spielten zum Glück mit und irgendwann kam dann auch ich, vom Schneeregen durchnässt und mit einem lahmen Arm in meinem Zuhause an. Und ich freute mich darüber, selbst wenn olle Goethe sagte: „Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“

*****

Ich muss zugeben, dass ich das soeben Beschriebene gestern und als ich in diesem vermaledeiten Bus saß, überhaupt nicht komisch fand. Die Komik offenbarte sich mir eigentlich erst später, als ich auf meinem Fußmarsch war. Heute hänge ich, wie nicht anders zu erwarten, ziemlich in den Seilen. Man kann auch vom bloßen Herumsitzen kaputt sein und so war ich heute zu nichts weiter in der Lage als diesen Text zu schreiben. Na, immerhin.




 

 






Kommentare (3)


28.11.2018, 15:59, lupocane

... und so starte ich mit einem Lächeln in den Nachmittag ...


28.11.2018, 12:40, Rainer

Hallo liebe Constanze, sehr schön geschrieben.


28.11.2018, 00:12, Sandy

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen 😉


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