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Chatprotokolle: Multiple Sklerose

Therapie der progredienten Multiplen Sklerose

21.11.2017 - Natürlich ging es um Ocrevus, aber ebenso um Siponimod, hochdosiertes Biotin sowie hochdosiertes Vitamin D und vieles mehr im AMSEL-Expertenchat mit Privatdozent Dr. Mathias Buttmann.

Schwerpunkt Multiple Sklerose: Der neue Chefarzt der Klinik für Neurologie am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim, Privatdozent Dr. Mathias Buttmann, informiert beim MS-Tag am 12. 11. über neue Medikamente.

Moderator Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, ich begrüße Sie alle herzlich im Multiple-Sklerose-Chat der AMSEL! Ab 20 Uhr antwortet hier heute Privatdozent Dr. Mathias Buttmann zur Therapie der progredienten MS. Wir freuen uns auf Ihre Fragen!

Gertrud: Hallo Herr Dr.Buttmann. Meine Schwester 68 Jahre hat seid 2006 Sekundär chronisch progredienter Verlauf. Sie bekam 2007 Copaxone, 2008 wurde es abgesetzt da keine Hilfe,2008-2009 Tysabri, 2009-2011Mirtoxantron. Sie bekam Kobaxone und auch Tysabri aber alles hatte keine Wirkung. Sie liegt nur noch kann nicht mehr stehen.Meine Frage kann ihr Ocrelizumab helfen und wird das zerstörte im Kopf wieder besser.

PD Dr. Mathias Buttmann: Zuerst einen guten Abend an alle Chatter! Gertrud, ich bedauere sehr zu hören, wie es Ihrer Schwester in den letzten Jahren ergangen ist! Leider wird auch Ocrelizumab in dieser Situation keine Wunder vollbringen und eingetretene Schäden im Nervensystem reparieren können.

Privatdozent Dr. Mathias Buttmann

  • Seit 18.07.2016 Chefarzt der Klinik für Neurologie am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim
  • 2000-2016 Arzt an der Neurologischen Universitätsklinik Würzburg, seit 2000 Mitglied der Klinischen Forschungsgruppe für MS, seit 2008 Oberarzt, seit 2010 Leitung der MS-Spezialambulanz
  • Wissenschaftliche Schwerpunkte: Immuntherapeutische Modulation der Blut-Hirn-Schranke bei MS, diagnostische und therapeutische Biomarker der MS, MS-Therapiestudien
  • Über 100 wissenschaftliche Publikationen, davon über 40 über Multiple Sklerose in englischsprachigen begutachteten Zeitschriften


Sunny: Hallo Hr. Dr Buttmann, nach Ansicht 2er Arztmeinungen soll ich alsbald möglich auf Ocrelizumab umstellen. Ich habe MS seit 16 Jahren, habe Rebif, Natalizumab und Daclizumab hinter mir. Alemtuzumab und Gilenya kommen für mich nicht in Frage. Tysabri musste ich 2015 wegen explodierter Titerwerte (ich bin JC positiv) abbrechen. Unter Ocrelizumab sei eine Titerüberprüfung nicht vorgesehen, sagte man mir. Geht man prinzipiell von einer Unmöglichkeit einer PML aus oder wäre es denkbar, auch unter Ocrelizumab die JC-Titerwerte bestimmen zu lassen? Wieso damals die Werte um ein Vielfaches erhöht waren, wurde nie aufgeklärt, daher bin ich sehr skeptisch und sehe einer Behandlung mit weiteren –zumabs durchaus etwas ängstlich entgegen. Für einen Hinweis in dieser Richtung wäre ich sehr dankbar.

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Sunny! Ich würde mir wegen der PML in dieser Situation keine Sorgen machen. Es gibt sehr umfangreiche Erfahrungen mit dem sehr ähnlichen Rituximab (ca. 5 Mio. Patientenjahre, v. a. in der Rheumatoiden Arthritis), und hier liegt das PML-Risiko bei 1:35.000, was äußerst niedrig ist. Bei Tysabri-Ende 2015 würde ich nach gegenwärtigem Wissensstand nicht erwarten, dass dieses Medikament noch Ihr PML-Risiko beeinflusst. Wegen des sehr geringen Risikos (bislang bei ca. 23.000 mit Ocrelizumab behandelten Patienten auch noch kein auf Ocrelizumab zurückzuführender PML-Fall) erscheint mir auch die JCV-Serologie nicht sinnvoll. Da zählt anderes für die Entscheidung. Also: Entspannt bleiben. :-)

Harald: Meine ppMS (seit 2007, ich bin 79 Jahre alt) äußert sich mehrmals im Jahr durch Trigeminusattacken (außer Behinderungen beim Gehen). Behandlung: Lyrika und Baclofen. Wäre Ocrelizumab für mich eine Alternative?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Harald! Wahrscheinlich nicht. Wir wissen, dass bei der MS-assoziierten Trigeminusneuralgie eine Entzündungsdämpfung, z. B. durch Cortison, meist keinen Effekt hat (es gibt Ausnahmen). Ich würde mich auf die symptomatische Therapie konzentrieren, es gibt noch weitere Medikamente, z. B. Carbamazepin etc.

Kai: Guten Abend Herr PD Dr. Buttmann, OCREVUS ist ja in der Schweiz schon zugelassen. Gibt es schon Angaben zu Sicherheitsabständen bei einer Vorbehandlung mit Tysabri? Der Fall mit einer aufgetretenen PML nach Behandlung mit OCREVUS und Vorbehandlung mit Tysabri ist noch in meinen Gedanken. Wie wird der Fall eingestuft? Carry over wurde damals gesagt und Tysabri als Verursacher genannt. Blieb es dabei?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Kai! Ja, so wird es immer noch bewertet. Deshalb meinte ich gerade: kein PML-Fall, der auf Ocrelizumab zurückgeführt werden kann. Das ist übrigens nach wie vor der einzige PML-Fall unter Ocrelizumab. Den Sicherheitsabstand würde ich von der Krankheitsaktivität vor Tysabri abhängig machen. Wenn die hoch war, dann empfehle ich 2 Monate Sicherheitsabstand nach der letzten Tysabri-Gabe. Unmittelbar vor Ocrelizumab Kopf-MRT mit Frage PML und Befundung durch erfahrenen Radiologen, außerdem würde ich in dieser Situation zusätzlich eine Liquorentnahme mit ultrasensitiver JCV-PCR (an die Virologie der Uni Düsseldorf schicken) empfehlen. Wenn beides unauffällig ist, ist das Risiko nicht null, aber gering. Wenn man länger wartet, wird die MS wahrscheinlich wieder Ärger machen. Wenn die Krankheitsaktivität vor Tysabri nicht so ausgeprägt war, kann man abwägen, ob man länger wartet. Ich empfehle hierzu eine individuelle Beratung in einem MS-Zentrum in Ihrer Nähe.

idefix: Guten Abend, ich bin gerade in derTagesklinik und mache viel Sport etc. Ich bin SPMSund bekomme Corti-Puls gibt es eine Alternative zu Corti???

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo idefix, kann ich mit diesen Angaben leider schwer beantworten. Wenn die Erkrankung hierunter zuletzt klinisch und kernspintomographisch weitgehend stabil war, könnte das die beste Lösung sein. Falls es insgesamt den "Bach hinuntergeht", wäre zu überlegen, eine Dauerimmuntherapie einzusetzen.

Ella: Hallo Herr Dr. Buttmann. Ich habe die sekundär progrediente Verlaufsform mit aufgesetzten Schüben. Diagnose im Februar 2016. Erst habe ich 1 Jahr Copaxone gespritzt, nun Rebif 22. Mein Allgemeinzustand (Laufstrecke, Feinmotorik, Fatigue) verschlechtert sich ständig. Meine Frage nun: ist das Ocrelizumab auch für die sekundäre Form oder nur für die primäre Form zugelassen?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Ella! Unter den schleichenden Verlaufsformen wird es zugelassen werden für die frühe primär progrediente MS und für die sekundär progrediente MS mit aufgelagerten Schüben, also auch für Ihre Verlaufsform. Keine Zulassung bekommt es für die sekundär progrediente MS ohne Schübe.

Yvi: Wird das Ocrelizumab auch für die SPMS zugelassen ? Im Mai wurde ein Antrag für die Behandlung mit Rituximab gestellt. Sieht aber nicht vielversprechend aus. Ich habe MS seit 1997 und wurde mit Rebif , Immunglobuline Copaxone und Gilenya behandelt. Unter Gilenya EDDS 2,5 2011 gestartet und 2017 bei EDDS 5,5 gelandet.

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Yvi, gerade beantwortet. Gibt es aufgelagerte Schübe? Die EDSS-Entwicklung von 2011 bis 2017 samt dem aktuellen Wert scheinen mir anzuzeigen, dass Sie vielleicht von Ocrelizumab profitieren könnten wegen ausgeprägter klinischer Verschlechterung in den letzten Jahren, aber noch nicht "zu hohem" EDSS-Wert. Da müsste man sich allerdings noch mehr ansehen, z. B., wie es sich kernspintomographisch entwickelt hat und aktuell aussieht.

Lanzarose: Ocrelizumab wird angewendet bei RRMS und PPMS. Aber SPMS liegt gefühlt genau dazwischen. Warum wird es dafür nicht auch eingesetzt?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Lanzarose, sehr berechtigte Frage. Weil so die Studien gemacht wurden: ORATORIO bei PPMS und OPERA I und II bei schubförmiger MS sowie sekundär progredienter MS mit Schüben. Es könnte allerdings sein, dass damit das Studienprogramm noch nicht abgeschlossen ist, um die verbliebene Lücke studientechnisch zu füllen.

Moderator Patricia Fleischmann: @alle: Liebe Chatter, bevor sich die Frage zu Ocrevus bei sekundär progredienter Multipler Sklerose (SPMS) wiederholt, sei hier vermerkt: Sie ist bereits gestellt. Nur, um es unserem Experten etwas leichter zu machen ;-)

andreasW: hallo, ich (55) habe ppms seit gut 14 jahren und einen edss von etwa 7. ich nehme sativex und tizanidin gegen die spastik und emselex für die blase. wäre ocrelizumab eine möglichkeit? oder eher nicht, da es keine "frühe" ppms ist?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Andreas! Die vierzehn Jahre liegen unter Berücksichtigung des EDSS-Werts formal an der Grenze der Studieneinschlusskriterien, Sie haben also gerade noch eine "frühe" PPMS gemäß Zulassungskriterien. Es wäre dennoch genau zu prüfen, wieviel Sie von dem Medikament, das für das Immunsystem ja kein Pappenstiel ist, zu erwarten hätten. Es wäre daher für mich v. a. die Frage, wie es sich klinisch und kernspintomographisch in den letzten 3 Jahren entwickelt hat. Wenn da alles weitgehend stabil war, wäre ich zurückhaltend. Muss geprüft werden, wie es bei Ihnen aussieht.

Yvi: Im MRT waren neue Herde zu sehen. Prednisolon schlägt aber nicht mehr so gut an.

PD Dr. Mathias Buttmann: Yvi, ich denke, für Sie könnte Ocrelizumab wahrscheinlich einen echten Nutzen haben, weil alles, was Sie geschrieben haben, auf relevante Entzündungsaktivität hindeutet, die durch Ocrelizumab angegangen werden könnte.

Gisela: Was halten Sie von der hochdosierten Vitamin D Therapie! Ich habe den primär progredienten Verlauf!

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Gisela! Ich würde derzeit auf jeden Fall die Finger vom Coimbra-Protokoll lassen, da der Nutzen nicht belegt ist und die Sicherheit unklar ist. Ich persönlich glaube, dass eine Vitamin-D-Supplementierung einen begrenzten Nutzen v. a. bei der schubförmigen MS hat (so interpretiere ich für mich die Ergebnisse der SOLAR und der CHOLINE-Studie), bin aber bezüglich der primär progredienten MS skeptisch, weil ich hierfür bislang keinerlei Evidenz sehe. Weltweit empfehlen Lebensmittelbehörden, längerfristig nicht über 4.000 IE Vit. D3 pro Tag zu gehen. Hieran würde ich mich momentan halten, weil es keine ausreichenden Sicherheitsdaten zur längerfristigen höher dosierten Gabe gibt. Jedenfalls keinesfalls ohne ärztliche Aufsicht machen.

andreasW: gerade in den letzten 3 jahren hat sich meine lage dramatisch verschlechtert, von rollator zu rollstuhl. ocrelizumab mach also sonn, oder?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Andreas, das müsste man sich im Detail anschauen. Es wäre auch möglich, dass Sie zuletzt eine Dekompensationsgrenze erreicht haben, wo wenig Fortschreiten der Erkrankung gefühlt und real eine dramatische Verschlechterung zur Folge hatte. Ich kann die Frage also weder mit ja noch mit nein beantworten.

Yvi: Das hoffe ich auch sehr. Ich muss noch erwähnen, das eine kollagenose besteht , die bisher nicht behandelt wurde wegen dem Gilenya. Somit kann man beides mit einem Medikament behandeln. (ds-DNS-AK neg.)

PD Dr. Mathias Buttmann: Ja. Yvi, das wäre zumindest keine grundsätzliche Kontraindikation.

Kai: Danke für die Antwort, mein Titer ist unter der Tsabribehandlung gesunken. Vor Tysabri habe ich leider nur den Staut (positiv), Titer hat man versäumt zu bestimmen. Vor einem Jahr war er bei 2.2, dann 04/17 bei 1.68 und jetzt im Oktober bei 1.11, so sollte die PML-Gefahr bei mir nicht sehr hoch sein. Leider weder MRT noch JCV-PCR geplant. Ich stehe jetzt nach der letzten Tysabrigabe in diesem Monat auf der Warteliste und bekomme sofort nach Zulassung OCREVUS, vermutlich Janunar. Sollte ich diese Vorgehensweise hinterfragen und meinem Neurologen ihre Vorgehensweise als Vorschlag unterbreiten? Er ist sehr kompetent bei der MS und sie waren schon in der Praxis für einen Vortrag zu Ocrelizumab;-). Meine MS war vor Tsyabri sehr aktiv, daher die Umstellung von Tecfidera auf Tysabri.

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Kai, man muss es sicherlich nicht so machen. Ich bin allerdings ein sehr sicherheitsbewusster Mensch und finde, dass das vorgeschlagene Vorgehen Ihnen zusätzliche Sicherheit geben könnte. Diskutieren Sie es doch mit Ihrem Neurologen. Mit manchen Neurologen kann man ja reden ;-)

Josefa: Guten Abend Herr Dr. Buttmann, habe SPMS und einen EDSS-Wert von 6,5 mit kognitiven Defiziten. Behandlung mit Lyrica und Sativex. Seit kurzem habe ich ein Taubheitsgefühl in der linken Gesichtshälfte hinauf bis zur Schläfe. Fühlt sich an als ob es auch innen drin pelzig ist. Auch aktive Erwärmung im Kopf! Kann das ein Schub sein, obwohl Schübe in der Diagnose nicht erwähnt wurden? Können diese einfach so mir nix dir nix auftreten? Welche Behandlung ist vertretbar?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Josefa, das könnte vielleicht ein Krankheitsschub sein, allerdings verstehe ich nicht ganz, was Sie mit aktiver Erwärmung im Kopf meinen? Ein Schub kann theoretisch immer auftreten, auch nach 10 Jahren PPMS.

Yvi: Dankeschön. Sie geben mir Hoffnung.

PD Dr. Mathias Buttmann: Ocrelizumab ist auch kein Wundermedikament. Das muss erst noch erfunden werden. Deshalb muss man in jedem Einzelfall sorgfältig nachdenken, ob es sinnvoll sein könnte. Ich glaube, bei Ihnen könnte das der Fall sein. :-)

Yvi: Ja. Die autologe Stammzelltransplantation ��

PD Dr. Mathias Buttmann: Die ist eine interessante Methode, die in den letzten Jahren wichtige Fortschritte gemacht hat, sowohl was die Sicherheit als auch was das Verständnis der Wirkungen bei MS angeht. Für die chronisch-progrediente MS mache ich mir von der autologen Stammzelltransplantation allerdings keine sehr großen Hoffnungen. :-( Diese Behandlung ist vor allem interessant für entzündlich höchst aktive Verläufe, für die es ja aber auch schon einige ziemlich effektive medikamentöse Therapien gibt.

Josefa: Aktive Erwärmung im Kopf beginnt plötzlich, indem ein Teil im Kopf heiß wird und nach einiger Zeit wieder abklingt! Und das mehrmals am Tag!

PD Dr. Mathias Buttmann: Josefa: Ist das ein Gefühl innen drin oder spürt man von außen, dass die Haut tatsächlich wärmer ist?

Yvi: Wahrscheinlich zu spät für mich. Ich konnte mich aber nicht eher dazu durchringen.

PD Dr. Mathias Buttmann: Ist vielleicht besser so, Yvi.

Josefa: Die Erwärmung ist nur innen drin, von außen deutet nichts darauf hin, dass die Haut wärmer wird!

PD Dr. Mathias Buttmann: Josefa, das könnte schon ein Schub sein. Ich würde mal bald ein Kopf-MRT mit Kontrastmittelgabe machen. Dann kann man weitersehen, was man therapeutisch macht. Einen Cortisonpuls könnte man unabhängig vom MRT überlegen, falls es Sie arg stört (ansonsten eher nicht). Ich meine aber vor allem die Frage einer möglichen weiteren Immuntherapie.

Kai: Welche Erkenntnisse gibt es bei der OCREVUS- Behandlung in Bezug auf die Fatigue? OCREVUS kann ja auch die Symptome der Fatigue positiv beeinflussen, las ich in Zusammenhang mit der PPMS, müssten diese Erkenntnisse, sofern bestätigt, sich nicht auch schon bei Rituximab gezeigt haben? Meine Fatigue macht mir schon sehr zu schaffen, Gabapentin (3x600) scheint mich zusätzlich müder zu machen. Da sich die Schmerzen und Stromstöße sich verstärkten, könnte ich die Dosierung erhöhen, habe aber Sorge noch nutzloser durch den Tag zu gehen. Gibt es alternative Mittel gegen neuropathische Schmerzen und den Stromstößen, die nicht müder machen als man eh schon ist?

PD Dr. Mathias Buttmann: Kai: Jede stark entzündungshemmende Therapie, und dazu gehört Ocrelizumab, kann Fatigue bessern. Für Rituximab wird es sicher nicht anders sein, nur gibt es hierzu keine vernünftigen Daten. Sie könnten es symptomatisch z. B. mal mit Duloxetin probieren, das neuropathische Schmerzen verbessern kann und zugleich den Antrieb eher steigert und die Müdigkeit verbessert. Gabapentin vertragen manche Menschen super, andere werden selbst von deutlich geringeren Dosen sehr müde, abgeschlagen und schwindelig.

acx: Sieht man bei SPMS typischerweise noch Gd-anreichernde Läsionen im MRT? Gibt es typischerweise im MRT andere objektivierbare Veränderungen bei SPMS? Generell will ich darauf hinaus, ob/wie man den Übergang RRMS zu SPMS zeitnah objektiv erkennen kann und so baldmöglichst die Therapie wechseln kann.

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo acx! SPMS ist eine klinische Diagnose, richtet sich also nur nach den Symptomen, die sich schleichend verschlechtern. Im kraniellen MRT kann man das nicht zuverlässig unterscheiden, auch wenn bei einer SPMS tendenziell mehr abgelaufene Entzündungen im Kopf sichtbar sind als bei einer rein schubförmigen MS. Das taugt aber auf keinen Fall für eine Unterscheidung im Einzelfall. Deshalb bringen für diese Frage auch ständige MRT-Untersuchungen nichts. Die Klinik zählt. Bei der SPMS gibt es nicht selten Gadolinium-anreichernde Läsionen. Selbst bei der unbehandelten PPMS sieht man das in ca. 15-25%.

Lanzarose: Guten Abend, Was ist von den Studien über Siponimod und hochdosiertem Biotin für die SPMS zu erwarten?

PD Dr. Mathias Buttmann: Siponimod wurde in der großen EXPAND-Studie bei SPMS untersucht, siehe hierzu auch meinen ECTRIMS-Bericht 2016. Die Studie ist einerseits ein Meilenstein, da der primäre Endpunkt der Behinderungsprogression erreicht wurde, andererseits fand sich hier nur eine Risikoreduktion um 21%, was an der Grenze der klinischen Relevanz ist. Auf kernspintomographische Parameter fanden sich deutlich ausgeprägtere Effekte. Das sehr ähnlich wirkende Fingolimod hatte bei der PPMS in der INFORMS-Studie keinen messbaren klinischen Effekt, wenn sich auch hier günstige Effekte auf kernspintomographische Parameter zeigten. Untergruppen-Analysen der EXPAND-Studie haben gezeigt, dass vor allem Patienten mit zusätzlichen Schüben bzw. Entzündungsaktivität profitieren. Für rein schleichende Verläufe ist der Nutzen sehr begrenzt. Zu hoch dosiertem Biotin: Spannend, da endlich mal kein Entzündungshemmer. Die SPI-Studie ist aber mit 154 Patienten ausgesprochen klein, außerdem sind die Ergebnisse auch wegen Dysbalancen zwischen den Behandlungsgruppen schwer zu interpretieren. Die beim jetzigen ECTRIMS-Kongress präsentierten Daten zur Hirnatrophie, aber auch zu weiteren kernspintomographischen Parametern zeigen, dass das hoch dosierte Biotin tatsächlich etwas im Hirn macht. Den Gesundheitsbehörden wird das sicher nicht zur Zulassung ausreichen, hier werden die Ergebnisse der SPI2-Studie abzuwarten sein. Zulassung also damit wahrscheinlich nicht vor 2019, wenn es zugelassen wird. Bis dahin rate ich aus verschiedenen Gründen von hoch dosiertem Biotin z. B. aus dem Tierfutterhandel ab. Zum einen finde ich noch nicht hinreichend klar, wie der Nutzen von hoch dosiertem Biotin bei chronisch-progredienter MS ist, zum anderen sind aus meiner Sicht aber auch noch Sicherheitsfragen offen. Das Präparat der Firma MedDay ist hochgradig pharmakologisch rein. Bei anderen Biotin-Präparaten wissen wir das nicht, was unkalkulierbare Risiken bedeutet.

Katharina: Grüß Gott Herr Dr. Buttmann, ich hatte vor kurzem eine OP, die ziemlich überstürzt vorgenommen werden musste, sprich es wurde zwar mit der Anästhesie besprochen, dass ich MS habe, aber ich fühlte mich nicht gut beraten. MS Medikamente waren nicht bekannt, Schmerzmittel wurden im Übermaß gegeben, auch verschiedene Antibiotikas. Und habe jetzt nach der OP starke Schwindelgefühle ! Was kann ich selber vor und nach einer Narkose tun,um mich vor unliebsamen Ereignissen, sprich Schüben, zu wappnen?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Katharina, gar nichts Spezielles. Insgesamt ist das Risiko durch eine Narkose hinsichtlich der Schubgefahr wahrscheinlich sehr gering, wenn überhaupt vorhanden. Kann höchstens sein, dass einen eine Narkose etwas stärker mitnimmt, wenn es einem vorher vielleicht schon nicht so gut ging.

Yvi: Kann ich noch eine Frage stellen unabhängig vom Thema ?Ich habe einen Druckschmerz am li. Auge. Lt. Augenarzt am ehesten trockenes Auge. Augeninnendruck normal. Sehschärfe objektiv normal. Der Schmerz liegt aber auch hinter dem Auge . Kann das eine optikusneuritis sein ?

PD Dr. Mathias Buttmann: Tut es weh, das Auge zu bewegen?

Renate: hallo, bei mir wurde erst im Sommer MS festgestellt. Ich bin fast 60 Jahre und habe bis zur Diagnose nie etwas von Schüben oder Einschränkungen gespürt.Ich habe sehr viele, schon relativ grosse Läsionen im Hirn und 3im Rückenmark, wobei eine seit Sommer aktiv ist. Könnte das nicht eine schleichende Form der MS sein?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Renate, wie und über welche Zeit haben sich die Symptome entwickelt? Hat sich im Verlauf wieder etwas gebessert? Der Verlaufstyp wird nach dem klinischen Verlauf festgelegt, nicht nach dem MRT.

HannesH: kann sich bei der rrms der edss-wert auch stark verschlechtern in wenigen jahren?

PD Dr. Mathias Buttmann: Ja, das kann gut sein bei sehr aktiver Erkrankung.

Kai: Herr PD Dr. Buttmann, haben Sie Fachinformationen zu der eingestellten Studie bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis mit Ocrelizumab? Sind die Todesfälle, weswegen die Studie eingestellt wurde, auf die Erkrankung der rheumatoiden Arthritis zurückzuführen oder könnten diese schweren Probleme auch der Behandlung der MS mit Ocrelizumab auftreten? Leider werden die negativen Aspekte nicht so publiziert. Offener Umgang wäre sicher wünschenswert.

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Kai! Unter MS-Experten hat die Firma diese Daten sehr offen kommuniziert. Ocrelizumab bei RA wurde nicht wegen der Todesfälle eingestellt, sondern weil kein Zusatznutzen gegenüber Rituximab gezeigt werden konnte, das ja im Gegensatz zur MS für die RA zugelassen ist. Es handelte sich um einige Tuberkulosefälle in Südostasien, die unter höheren Ocrelizumab-Dosen und in Kombination mit einer anderen immunsuppressiven Therapie aufgetreten sind, wie sie bei der MS nicht eingesetzt wird.

acx: Wie ist Ihr persönlicher Eindruck und Ihre Erfahrung: wird die SPMS bei früh konsequent antiinflammatorisch behandelten RRMS Patienten unwahrscheinlicher auftreten?

PD Dr. Mathias Buttmann: acx, meiner persönlichen Meinung und inzwischen fast zwanzigjährigen praktischen Erfahrung nach: sehr klar ja! Es ist schwierig, das in Studien klipp und klar zu beweisen, doch für mich persönlich ist das sonnenklar, zumindest, wenn wir über aktive Verläufe sprechen.

Yvi: Z.T. Ja. Mit erhöhter Lichtempfindlichkeit.

PD Dr. Mathias Buttmann: Dann vielleicht. Hat der Augenarzt getestet, ob da eine Rotentsättigung ist? Hat er Visuell Evozierte Potenziale (VEP) gemacht? Falls nein, wären das noch Möglichkeiten, der Antwort näher zu kommen. Mit einem reinen Druckgefühlt ohne Sehstörung würde ich aber kein Cortison geben, sondern beobachten.

Claudia Rudolph: Hallo Dr. Buttmann. Wie lange sollte man seine Therapie unterbrechen bevor man Ocrelizumab bekommt?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Claudia, kommt ganz auf die Therapie an. Zu Natalizumab habe ich schon geantwortet. Interferon-beta oder Glatirameracetat kann man andererseits z. B. von einem Tag auf den anderen umstellen, wenn die Blutwerte weitgehend in Ordnung sind. Was ist denn Ihre gegenwärtige Therapie?

Katharina: Sie erwähnten Gadolinium beim MRT. Da viele MS - Leute oft ins MRT müssen, könnte dieses Gadolinium eine ernsthafte Gefahr werden, denn es kann sich im Gehirn ablagern. Die EMA schränkt die Verwendung von Gadolinium ein / Ärzteblatt vom 23. 7. 2017 Wie ist ihre Meinung dazu?

PD Dr. Mathias Buttmann: Hallo Katharina, das gilt vor allem für die linearen Kontrastmittel, nicht für die bei uns gängigen zyklischen Kontrastmittel. Ich denke, einmal im Jahr schadet nicht. Bei MRT alle drei Monate (z. B. zur PML-Überwachung unter Tysabri bei hohem Risiko) würde ich nur einmal im Jahr Gadolinium geben. Man kann auch überlegen, ob man im Routinefall ganz auf Gadolinium verzichtet. Ich persönlich finde, dass die Gadolinium-Sequenz zur Beurteilung der Aktivität der Erkrankung schon hilfreich ist und würde mir nicht zuviele Sorgen wegen Ablagerungen machen.

Kai: Vielen Dank für die Sachkompetenz in diesem Chat! Selten so gute Antworten gelesen, Frau Fleischmann sollte sie öfter einladen :-)

PD Dr. Mathias Buttmann: ...wird rot.

Renate: eigentlich hatte ich kaum probleme vor der Diagnose, ich wurde wegen einem Zittern auf Parkinson behandelt.Nach einem kurzen (10) Minuten Ausfall der rechten Hand ordnete mein Neurologe ein MRT an und nach dem bin ich zur Diagnostik ins KH Nordhorn. Es sind keine Banden vorhanden, aber auch Münster hat eine MS diagnostiziert. Sonst habe ich keine nennenswerten Einschränkungen, naja Müdigkeit war schon lange da und ganz viel Kopfschmerzen.Die sind nach der Kortisontherapie im KH weg. Ein etwas steifer Gang nach Ruhe und Blasenprobleme. Aber ich bin ja fast 60also auch nicht mehr so taufrisch��

PD Dr. Mathias Buttmann: Renate, da kann ich keine Ferndiagnose stellen. Offensichtlich geht die entzündliche ZNS-Erkrankung wahrscheinlich schon Jahre. Der weitere Verlauf wird es weisen müssen.

Moderator Patricia Fleischmann: Liebe Chatter, herzlichen Dank für Ihre Teilnahme hier im Chat. Ein besonders großes DANKE geht an Privardozent Dr. Mathias Buttmann für sein Engagement hier und heute. Übrigens ist Dr. Buttmann seit Kurzem Mitglied im Ärztlichen Beirat der AMSEL. Der nächste Expertenchat findet am 3. Dienstag im Januar statt, das ist der 16.1.2018. Ich wünsche allen miteinander einen schönen restlichen Abend!


Allgemein - Kai: Danke für den tollen Chat, Ihnen und allen anderen wünsche ich auch einen schönen Abend, oder was davon noch übrig ist ;-)



Renate: Ich habe noch vergessen, nehme seit 2Monaten Tecfidera und die Müdigkeit wird besser

PD Dr. Mathias Buttmann: Na, das klingt ja auf jeden Fall positiv.

Redaktion: AMSEL e.V.



 

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