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Chatprotokolle: Multiple Sklerose

Progressive Multiple Sklerose

03.03.2015 - Grundsätzlich gilt, dass sich der sekundär-progrediente Verlauf therapeutisch herauszögern lässt, so Dr. Jan-Markus Dörr im AMSEL-Expertenchat.

Schaubild eines sekundär chronisch-progregienten Multiple-Sklerose-Verlaufs mit aufgesetzten Schüben und schleichender Verschlechterung.

Moderator Patricia Fleischmann: Werte AMSEL-Chatter, um 19 Uhr startet der Chat mit Dr. Jan-Markus Dörr zum Thema Progressive Multiple Sklerose. Ihre Fragen können Sie gern jetzt schon posten.

mona: Hallo Grüße Sie, meine Frage bezieht sich auf allgemeine Erfahrung über den Verlauf der PPMS wie häufig endet es inerhalb der 5 Jahresfrist komplett in Bewegungslosigkeit.

Dr. Jan-Markus Dörr : Guten Abend in die Runde Aussagen zum individuellen Verlauf der MS sind grundsätzlich sehr schwierig bis unmöglich. Eine rasche Progredienz mit gravierender bleibender Behinderung insbesondere der Gehfähigkeit innerhalb von 5 Jahren bezeichnet man auch als maligne, also bösartige MS. Solche Verläufe sind selten. Eine "komplette" Bewegungslosigkeit, wie Sie schreiben, ist sehr ungewöhnlich.

Dr. med. Jan-Markus Dörr, Leiter der Studienambulanz und stellvertretender Leiter der AG klinische Neuroimmunologie am NeuroCure Clinical Research Center, Charité-Universitätsmedizin BerlinDr. Jan-Markus Dörr

  • Leiter der Studienambulanz und
  • stellv. Leiter der AG klinische Neuroimmunologie am NeuroCure Clinical Research Center, Charité-Universitätsmedizin Berlin
  • forscht unter anderem auf dem Gebiet Vitamin D und Multiple Sklerose

 

gordilo: Gibt es schon erste Therapie-Erfahrungen mit interleukin-4 ?

Dr. Jan-Markus Dörr : Interleukin-4 ist ein Botenstoff, der von bestimmten Entzündungszellen, die auch bei der MS eine Rolle spielen, ausgeschütten wird. Man schreibt IL-4 modulierende, eher positive Effekte zu, möglicherweise auch neuroprotektive Eigenschaften. Manche MS-Medikamente fördern die Ausschüttung von IL-4. Konkrete Therapieansätze gibt es aber noch nicht

gordilo: Ist ein mehrwöchiger Aufenthalt in der Wärme hilfreich ?

Dr. Jan-Markus Dörr : Kommt darauf an, was Sie mit hilfreich meinen. Manche MS-Patienten vertragen Wärme eher nicht so gut und verspüren eine Zunahme von Symptomen. Man nennt dieses Beobachtung Uhthoff-Phänomen.

Semmi: Hallo Herr Dr. Dörr! Ich leide an einer chronisch-progredienten MS, die in den vergangenen Monaten stabil war. Ich habe vor einem halben Jahr eine schwere Traumatisierung erlebt mit heftigen Traumafolgestörungen: Flash-Backs, Intrusionen, schweren Ängsten, massive Schlafstörungen, Alpträume, starke innere Unruhe, schwere Depression mit akuter Suizidalität etc. Die Symptome hielten über Monate an und sind z. T. auch noch immer vorhanden. Inzwischen habe ich eine tiefenpsychologisch-fundierte Traumatherapie begonnen, die mich ziemlich mitnimmt obwohl ich noch in der Stabilisierungsphase bin. Die eigentliche Konfrontationsphase kommt erst noch. Kann durch diese extreme psychische Belastung über einen mittlerweile doch recht langen Zeitraum meine MS wieder aktiver werden? Kann ich etwas dagegen tun, dass das nicht passiert? Danke! Semmi

Dr. Jan-Markus Dörr : Die Frage, wie sich psychischer Stress auf die MS auswirkt, wird immer wieder diskutiert. Bislang gibt es dazu keine allgemeingültige Aussage. Dass liegt nicht zuletzt auch daran, dass Stress individuell sehr unterschiedlich erlebt und berwertet wird und es kein gutes Maß für "Stressstärke" gibt. Wahrscheinlich kann sich im Einzelfall eine starke psychische Belastung auch auf den MS-Verlauf auswirken. Sicherlich können auch die individuellen VErarbeitungsstrategien beeinflusst werden. Letztlich sollten Sie versuchen, die Stresssituation möglichst zügig zu verarbeiten - wie Sie es ja auch schon tun.

Bärbel: ich habe seit 8 Jahren ppMS, habe 10x (3x1g) Cortisontherapie bekommen, dann etwa 2 Jahre Pause bis heute, vor kurzem Sativex ausprobiert, weil ich irre starke Schmerzen in den Fußsohlen, habe, mache KG 2x in der Woche, zu Hause habe ich Geräte (Vibrationsplatte, Crosstrainer, Ergometer) Ich fühle mich stark, zwar laufen kann ich lediglich mit Rolli wg. Gleichgewichtsstörung. Die drei Flaschen von Sativex sind letzte Woche Dienstag alle geworden, jetzt habe ich noch stärkere Schmerzen (Lyrica wirkt bei mir praktisch nicht) Gibt es evtl. eine neue Therapiemöglichkeit?

Dr. Jan-Markus Dörr : Liebe Bärbel, bitte haben Sie Verständnis, dass so komplexe Situationen nicht aus der Ferne geklärt werden können. Es kommt z. B. darauf an, wodurch Ihre Schmerzen genau ausgelöst werden, wass schon alles ausprobiert wurde etc. Dazu ist eine eingehende Untersuchung notwendig. Ihr Neurologe sollte Ihnen da weiterhelfen können. Ggf. auch ein MS-Zentrum.

elly: Guten Abend Dr. Dörr, kann man eigentlich sagen, dass ein schubförmiger Verlauf immer in die SPMS führt? Und wenn ja, kann man sagen, wie lange die schubförmige MS im Durchschnitt verläuft, bevor sie "umschwenkt"?

Dr. Jan-Markus Dörr : Tatsächlich führt in den meisten Fällen eine UNBEHANDELTE schubförmige MS langfristig, d.h. innerhalb von 10-20 Jahren in einen sekundär chronisch-progredienten Verlauf. Es gibt aber auch gutartige Verläufe, bei denen auch nach Jahrzehnten keine relevante Beeinträchtigung erkennbar ist. Der Zeitpunkt des Übergangs in einen sekundär progredienten Verlauf lässt sich nicht vorhersagen.

ralf: Welches therapeutische Vorgehen gibt es für chronisch progrediente Erkrankungsform?Außer Kortison?

Dr. Jan-Markus Dörr : Das hängt im wesentlichen davon ab, ob während der progredienten Phase auch weiterhin Schübe auftreten oder neue entzündlichen Läsionen im MRT nachweisbar sind. In solchen Fällen kann auch eine Behandlung mit Interferon beta erfolgreich sein. Eine weitere Option in so einer Situation kann Mitoxantron sein. In Einzelfällen auch Chemotherapeutika wie Cyclophosphamid oder Metotrexat. Insgesammt ist die Therapiesituation bei der chron.-progredienten MS aber unbefriediegend

Tiger: Lieber Herr Dr. Dörr. Ich bin 65 Jahre alt, weiblich und vor 5 Jahren wurde bei mir MS festgestellt. Erster Schub, linkes Bein war gefühllos. Das Bein regenerierte wieder von selbst, habe aber auch Kortison erhalten. Ich spritze jeden 2. Tag Interferon u. habe bis heute Ruhe. Nun macht mein linkes Bein leichte „Zicken“. Ich habe das Gefühl, dass es schwächer wird beim Gehen, keine lange Strecke,, keine Kraft mehr im Bein, als würde es mich( kurz) nicht mehr tragen. Letzten Dez. MRT Kopf, o.B. keine neuen Herde. Letzten Donnerstag war ich beim Neurologen, Untersuchung O.B.. Er empfahl mir 3 x Inf. Kortison je 500ml, heute die letzte. Freitag nächste MRT HWS. Wie kann man heraus finden ob es sich um einen neuen Schub handelt, was kann, soll ich tun ? Wie kann ich die Myelins aufbauen ? Herzlichen Dank !

Dr. Jan-Markus Dörr : So wie Sie es schildern, handelt es sich wahrscheinlich tatsächlich um einen Schub. Die Entscheidung für einen Kortisonstoß war dann wahrscheinlich sinnvoll. Im regelfall sollten sich die BEschwerden wieder zurückbilden. Wenn wir wüssten, wie wir die Regeneration des Myelins nachhaltig fördern könnten, wären wir viele Schritte weiter in der MS-Therapie

Stefan: Mein Problem ist MS mit schleichendem Verlauf. Dazu werden ich regelmäßig mit Kortison behandelt. Seit der Diagnose mache ich regelmäßigen Ausdauersport; vor ein paar Wochen bin ich im Urlaub 11 Kilometer gewandert. Geht es mir "nur" außergewöhnlich gut oder müsste man mal die Diagnose prüfen?

Dr. Jan-Markus Dörr : Der Verlauf einer MS und somit auch das Voranschreiten einer Behinderung ist individuell sehr unterschiedlich. Es gibt durchaus Verläufe mit sehr langsamer Progredienz bzw. auch Phasen der Stabilität. Das allein wäre kein Anlass, an der Diagnose zu zweifeln.

Sven: Ich habe seit >10 Jahren ein PsA und wurde mit Enbrel behandelt. Dies hat die MS ausgelöst und musste abgesetzt werden. MTX, Arava etc. waren ineffizient. Haben Sie Behandlungsmöglichkeiten, die die PsA & MS behandeln? Wie weit ist man z.B. mit der Forschung mit interleukin-17, z.B Secukinumab.

Dr. Jan-Markus Dörr : es wird auf verschiedensten Ebenen versucht, dass Immunsystem bei der MS zu modulieren. IL17 ist ein sehr vielversprechender Ansatz. Secukinumab ist derzeit in der klinischen Phase der Testung (Phase 2).

anttje: Guten Abend Herr Dr. Dörr, Kann man bei MS mit Einem progredienten Verlauf (es wird gestritten ob PPMS oder SPMS) mit entzündungshemmender Ernährung, grünem Tee (Sencha) und Sport positiv beeinflussen???

Dr. Jan-Markus Dörr : Leichter bis mäßiger Ausdauersport ist sicher sinnvoll, auch bei progredienten Verläufen. Ob grüner Tee sich positiv in progredienten Verläufen auswirkt, untersuchen wir in Berlin derzeit in einer klinischen Studie. Ergebnisse werden aber erst in ca. 2 Jahren vorliegen.

gordilo: Ist eine Ernährung mit Fleisch, vegetarisch oder vegan empfehlenswert ?

Dr. Jan-Markus Dörr : sehr gute Frage. Es gibt leider keine wirklich überzeugenden Untersuchungen zur Ernährung bei MS. Es gilt grundsätzlich die Empfehlung, sich ausgewogen zu ernähren. Möglicherweise kann eine fleischarme Ernährung sinnvoll sein. Bewiesen ist das allerdings nicht.

ralf: "Prof. Lassmann erklärte, dass der Entzündungsprozess, der sich effektiv im Frühstadium behandeln lässt, mit dem Alter aber immer schwächer wird, dafür nehmen die neurodegenerativen Schädigungen zu. " Das soll heißen, im Alter hilft kein bekanntes Medikament mehr?

Dr. Jan-Markus Dörr : Es ist nicht unbedingt das Alter der entscheidende Faktor, sondern vielmehr das Verhältnis von Entzündung und Degeneration, dass sich mit zunehmender Krankheitsdauer (und somit auch indirekt mit dem Alter) verschiebt. Tatsächlich ist es so, dass sich die Entzündung bei der MS mit den verfügbaren Medikamenten weitaus besser behandeln lässt als die degenerative Komponente. Das ist auch der Hintergrund, warum wir heute die MS möglichst frühzeitig behandeln wollen - nämlich in der Phase, in der die Entzündung im Vordergrund steht.

Fanny: Wie oft kann man eine Kortison- Stosstherapie im jahr unbedenklich durchführen ? Ich denke mal an 3x1000 mg Prednisolon Liebe Grüsse Fanny

Dr. Jan-Markus Dörr : es gibt da keine grundsätzlichen EInschränkungen. Vielmehr muss die Gesamtsituation aus Begleiterkrankungen, Verträglichkeit, Wirksamkeit etc. betrachtet werden. Eine Vierteljährliche Gabe ist in der Regel wenig problematisch. Aber auch hier muss der Einzelfall betrachtet werden

elly: Vielen Dank für Die Antwort. Das heißt, eine "behandelte" MS führt seltener in den progredienten Verlauf, als eine "behandelte"?

Dr. Jan-Markus Dörr : das ist grundsätzlich richtig.

Anne: Sehr geehrter Herr Dr. Dörr, wieso helfen bei mir keine Medikamente (Gabapentin 1200mg täglich, Liorisal 15 mg tgl.), alle 3 Monate Kortison-Stoßtherapie über 5 Tage je 1000mg, Juni 2014 sogar 5 mal 1000mg und 5 mal 2000 mg, nach jeder Stoßtherapie geht es mir immer schlechter und neue Behinderungen kommen hinzu. Mitox wurde nach 4 Gaben abgesetzt, da ich mit der 2. im Rollstuhl gelandet bin. Habe seit 2006 MS (Diagnose) und schon sämtliche Medis, die es auf dem Markt gibt, ausprobiert, alle wurden spätestens nach einem halben Jahr von der Uni Bonn wieder abgesetzt. Welche Medis können mir noch helfen, habe SPMS ohne Schübe, aber mit großen Schmerzen, nehme hiergegen Amneurin 10mg und Palexia 50 ret,, was auch nicht hilft. Herde nur im Halsmark. Ich bin seit 10/2011 schwerstbehindert, ab Hüfte abwärts wie querschnittsgelähmt, linker Arm auch, rechter nur bedingt einsatzfähig.

Dr. Jan-Markus Dörr : Liebe Anne, es gibt trotz der inzwischen vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten auch weiterhin Patienten, bei denen keine Therapie richtig anschlägt. In der Regel sind das Pat. in der progredienten Phase, in der die neurodegenerative Komponente der Erkrankung sehr stark im Vordergrund steht. Leider haben wir trotz erheblicher Aktivitäten in diesem Bereich noch keine wirksame Behandlungsoption zum Stoppen des degenerativen Prozesses. In solchen Situation ist die individuell auf die jeweiligen Beschwerden des Patienten abgestimmte Behandlung der Symptome unter EInbeziehung verschiedener med. Fachdisziplinen von höchster Bedeutung. Leider ist eine konkrete Beratung aus der Ferne nicht möglich.

ralf: Kennen sie die Studie oder Wirksamkeit von Laquinimod? Wird für primär progredienter MS geprüft.

Dr. Jan-Markus Dörr : laqunimod wurde zunächst in der schubförmigen MS untersucht. Die Studien zeigten einen eher geringen Effekt auf die Schubrate, jedoch einen recht guten Einfluss auf das Voranschreiten der Behinderung und den Verlust von Hirngewebe. Die Überlegungen gehen dahin, dass laquinimod möglicherweise direkt neuroprotektiv wirkt. Leider haben die Zulassungsbehörden in Europa die Zulassung von Laquinimod wiederholt abgelehnt. Derzeit wird Laquinimod tatsächlich in der PPMS geprüft. Bis Ergebnisse vorliegen, wird es aber noch dauern.

Emil: Hallo Herr Dörr, ich bin jetzt 50 und meine MS wurde erst letztes Jahr mit ca. 10 Läsionen und Banden etc. diagnostiziert; Erstsymptomatik: Trigeminus-Neuralgie, Verlauf unklar. Mir ging es auch ohne Basistherapie in den letzten Monaten sehr gut, nun hat sich die Neuralgie wieder bemerkbar gemacht. Kontroll-MRT war kürzlich aber ohne Veränderung. Meine beiden Fragen: 1. Würden Sie bei solchen Schüben ohne MRT-Veränderung zum Beginn einer Basistherapie raten? 2. Was halten Sie persönlich – gerade in Hinblick auf die unbefriedigende klassische Therapiesituation – von antientzündlicher Ernährungsumstellung und Nahrungsergänzungsmitteln (z.B. D, B, Zink, Selen, Omega-3, Magnesium, C, Antioxidantien)?

Dr. Jan-Markus Dörr : Die Frage nach dem Therapiebeginn lässt sich leider nicht pauschal beantworten sondern bedarf immer einer genauen Evaluation der Gesamtsituation. Die Farge ist auch, ob das erneute Aufflackern der Trigeminusneuralgie bei Ihnen als neuer Schub zu werten ist. Bzgl. der Ernährung möchte ich auf eine der vorherigen Fragen verweisen. Zu Vitamin D gab es im vorletzten Jahr auch einen Chat.

Heike: Hallo Guten Abend, ich muss vorab sagen ich habe keine Diagnose einer MS. Aber seit mehreren Jahren sehr diffuse Symptome und Beschwerden, die schleichend schlechter werden. Untersuchungen auch MRT Bilder waren alle unauffällig. Ich habe nun gehört dass bei einer PPMS sehr wenig bzw. fast keine Läsionen im MRT sichtbar sind. Ist das richtig ?

Dr. Jan-Markus Dörr : Bei der PPMS finden sich häufiger Läsionen im MRT des Rückenmarks. Allerdings gibt es dann auch in der Regel eine typische klinische Beschwerdesymptomatik bzw. einen passenden Untersuchungsbefund. Eine MS ohne jegliche MRT-Veränderungen ist sehr unwahrscheinlich

Moderator Patricia Fleischmann: @ alle: Puh, eine Menge los heute. Dr. Dörr hat alle Hände voll zu tun. Kein Wunder, haben doch rund 50 % aller MS-Betroffenen einen chronischen Verlauf. Um das Warten auf die Antwort zu verkürzen, können Sie sich gern auch über die Plauderecke - 2. Schreibfeld - mit andern Chattern austauschen.

Hanne: Guten Tag, Ich habe die progressive Form seit 2002, erst 2008 zeigten sich Einschränkungen, seit Mai 2014 sitze ich im rollstuhl. Kann ich wieder auf die Beine kommen. Physiotherapie, Antispastika, meine Begleiter. Achso für die Psyche auch n bissel. Mein Körper fühlt sich so steif an,kraftlos, alle Neurologen,welche ich befragt habe,zucken mit den Schultern und finden mich medizinisch ausreichend versorgt. Wenn ich wüsste, wie ich nach Berlin kommen könnte, würde ich mir auch bei diesem Arzt Termin holen

Dr. Jan-Markus Dörr : In Ihrer Beschreibung klingt etwas die Resignation, die mitunter auch Ärzte bei fortgeschrittenen MS-Verläufen verspüren durch. Wie schon in einer früheren Frage beschrieben ist die individuelle symptomatische Behandlung sehr wichtig. Sie sollten sich an ein MS-Zentrum in Ihrer Nähe wenden, dass Sie dann auch häufiger aufsuchen können.

Johann: Guten Tag, Prof. Lassmann / Wien und Kollegen haben kürzlich in einer LANCET-Neurology-Übersicht auf "altersabhänige" Eisenspeicherung als einen Faktor für MS-Progression / Neurodegeneration hingewiesen - AUCH bei Alzheimer, Parkinson..., also übergreifend. Fragen und Anregungen dazu: 1. Sollte nicht in der breiten DMSG-Datenerhebung - und natürlich generell in der MS-Patientenbetreuung - der Serumferritinwert als einfaches Maß für die Eisenspeicherung erfaßt und ausgewertet werden? (Dazu vielleicht auch noch zur Ernährung: Verzicht auf - rotes - Fleisch? Das ist Teil etwa der über Jahrzehnte als wirksam erwiesenen Swank-Diät.) 2. Gibt es Hinweise, daß MS-Patienten mit einer (häufigen!) Anlage für Eisenspeicherung ein höheres Progressions-Risiko haben? 3. Männer speichern früher und stärker Eisen als Frauen - und haben statistisch ein höheres Progressions-Risiko: Zusammenhang? 4. Seit mehr als 1 Dutzend Jahren versuche ich vergeblich eine Diskussion über diese Themen mit Neurologen: kann beispielsweise Blutspenden (= wirksamer Eisenentzug) vor Neurodegeneration schützen (Demenz, Parkinson, ALS... MS-Progression...)? Interventionsstudien: Entzug erheblicher Eisenspeicherung durch Aderlässe? Ich selbst gehöre zu den Eisenspeicherern, habe mich über inzwischen 2 Jahrzehnte durch Aderlässe bzw. langjährig auch durch Blutspenden konsequent um niedrige Eisenspeicherung (wie bei gesunden Kindern: Ferritin unter ca. 25 ng/ml) gekümmert - und bin frei von Progressionsanzeichen. Es wäre SO einfach - warum wird das Thema ignoriert (mein Eindruck)? Forschung dazu? MfG

Dr. Jan-Markus Dörr : Hallo Johann, das sind sehr komplexe umfangreiche Fragen, die ich hier leider nicht erschöpfend beantworten kann. Eisenablagerungen im Gehirn treten bei vielen neurodegenerativen Erkrankungen auf und sind kein Spezifikum der MS. Eine wichtige Frage, die aber auch noch nicht geklärt ist ist, ob diese Ablagerungen Ursache oder Folge der Prozeese bei de MS sind. Sicherlich ist es aber nicht so einfach, dass zuviel Eisen im Blut einfach im Gehirn "abgelegt" wird. Somit ist auch das Ferritin, dass zudem nicht nur im Eisenstoffwechsel, sondern auch als sog. Akute Phase Protein bei zahlreichen anderen Prozessen im Körper beteiligt ist, kein geeigneter Parameter. Viele vermutete Zusammenhänge, die auf den ersten Blick nahelegend erscheinen, haben sich in der VErgangenheit bei genauerer Betrachtung leider als falsch bzw. wesentlich komplexer herausgestellt

anttje: Ist Urbason zwingend bei der vierteljährlichen Gabe von Corti oder ist Dexamethason eine gute Alternative?

Dr. Jan-Markus Dörr : Mit Methylprednisolon (z. B. Urbason) liegen die meisten Erfahrungen in der Schubtherapie insbesondere hinsichtlich des Verhältnisses von Wirkung und Nebenwirkung. Daher wird in aller Regel Methylprednisolon eingesetzt. Grundsätzlich wirkt aber auch Dexamethason

Fanny: Wenn ich viel an der luft war,geht es mir immer sofort besser,gibt es keine sauerstofftherapie oder etwas ähnliches? Kann die PriPro MS auch mal zum Stillstand kommen? Habe seit 23 Jahren MS ,brauche seit 9 Jahren den Rollstuhl,alle Therapien unter anderem Interferone haben nichts gebracht,mache 2-3 mal pro Jahr Korti-Therapie und fühle mich wirklich viel,viel besser,wenn ich viel Sauerstoff bekomme,that´s my grosses Problem!! Liebe Grüße Fanny

Dr. Jan-Markus Dörr : Die Wirkung von aeroben Ausdauertrainig in der MS wird allgemein anerkannt. Es spricht somit nichts dagegen, sich viel an der frischen Luft aufzuhalten. Eine PPMS kann auch zum Stillstand kommen bzw. längere Phasen der Stabilität zeigen.

anttje: Auf NDR gab es die Ernährungsdocs haben die fettreiche Ernährung mit guten Fetten empfohlen (als Nahrung für die Nerven) sowie grüne Smoothies. Was halten Sie davon?

Dr. Jan-Markus Dörr : siehe frühere Antwort

Sanne: Guten Abend Herr Dr. Dörr, wie wirkt Azathioprin bei einem chronischen Verlauf? Suche gerade nach einer Alternativlösung zu Mitox und Cortison.

Dr. Jan-Markus Dörr : Siehe dazu auch die anderen Antworten zum Thema Ernährung. Ob die sog. Ketogene Ernährung eine sinnvolle Option bei der MS ist wird derzeit untersucht. Einige Pat. berichten, dass es Ihnen bei kohlenhydratarmer - fettreicher Ernährung besser geht. Bislang sind dies aber Einzelfallberichte, die keine Verallgemeinerung zulassen.

Sven: Wie lange dauert die Zulassung von der Beantragung eines Medikamentes aufgrund positiver Phasen 3 bis zur Freigabe?

Dr. Jan-Markus Dörr : das lässt sich nicht pauschal beantworten, da viele Faktoren daran mitwirken, wie die Zulassungsbehörden, das Pharmaunternehmen, die Marktsituation etc. Als Beispiel kann man sich den bislang nicht erfolgreichen Zulassungsprozess vom Laquinimod ansehen

Sven: Rituximab als Basistherapie zur Behandlung der RRMS uns Pso. Arthritis: Wie sind die Erfahrungen und lange ist es für die MS einsetzbar, da keine basis- sondern Eskalationstherapie?

Dr. Jan-Markus Dörr : Rituximab ist ja nicht zugelassen für die MS-Therapie. Es gibt einige Untersuchungen bei schwerwiegenden Verläufen, die eine gewisse Wirksamkeit nahelegen. Die Therapiedauer hängt von dem jeweiligen Einzelfall und der Risiko-Nutzen-Abwägung ab.

anttje: Ich weiß, daß Sie zum Thema grüner Tee forschen. Ich trinke deshalb Sencha weil er das meiste ECGC enthält. Halten Kapseln was sie versprechen???

Dr. Jan-Markus Dörr : Die Studien laufen ja noch, daher kann ich Ihre Frage noch nicht beantworten. Die erste Studie mit EGCG bei schubförmiger MS ist abgeschlossen. Die Ergebnisse werden demnächst veröffentlicht. Die zweite Studie zur progred. MS läuft noch. Sie können gerne in Abständen bei uns nach dem Stand nachfragen.

Dagi: Guten Abend, ich habe seit einiger Zeit Schmerzen in der Muskulatur, immer an neuen Stellen und auch mal ein wenig besser, aber eher zunehmend schlechter. Kann die MS die Ursache sein? Evtl Spastik oder Veränderung zur Progression?

Dr. Jan-Markus Dörr : Entgegen fürherer Annahmen kann eine MS auch Schmerzen machen. Nicht zuletzt treten auch sekundäre Schmerzen auf z. B. durch Fehlbelastungen. Genaueres lässt sich erst nach einer eingehenden Untersuchung dazu sagen.

J.B.: Hallo, haben Sie schon Erfahrung mit dem Neurostimmulator Acti Gait bei MS Patienten. Mein Mann hat seit 4 Jahren die chron. Form und hauptsächlich Probleme mit der Gangfähigkeit. Erste Tests verliefen vielversprechend, aber man hört sehr wenig darüber. Die Empfehlung bekam er von der Physiotherapeutin. Andere medikamentöse Therapien waren bisher erfolglos bzw. wurden nicht vertragen. Bis auf Physiotherapie erhält er keine Behandlung.

Dr. Jan-Markus Dörr : Acti Gait wird im Einzelfall zur Neurostimulation bei Menschen mit Fussheberschwäche eingesetzt. Systematische Untersuchungen dazu bei MS sind mir nicht bekannt, persönliche Erfahrungen habe ich bislang nicht damit.

Moderator Patricia Fleischmann: Danke für alle Ihre Fragen, ganz herzlichen Dank auch an Dr. Jan-Markus Dörr fürs beantworten hier und heute. Die Progressive Multiple Sklerose lässt sich bislang nicht ursächlich behandeln wie die schubförmige MS, deren Behandlung hauptsächlich auf die Reduktion der Entzündungen zielt. Um die Erforschung dieses Verlaufes - primär progressiv wie sekundär - stärker voranzutreiben, mehr Gelder aufzubringen und weltweit zu bündeln, wurde die Progressive MS Alliance gegründet: http://www.amsel.de/multiple-sklerose-news/medizin/Progressive-MS-Alliance-expandiert-weltweit_5633 Wir hoffen mit Ihnen, dass die Alliance bald Erfolge zeitigen wird. Allen miteinander wünsche ich einen schönen Abend. Thema am 17.3. wird sein: die (hoch-) aktive Multiple Sklerose.

Redaktion: AMSEL e.V.

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